Selbstversuch

Enttäuscht du mich, enttäusch ich dich

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 15/12 vom 11.04.2012

Das wird, glaub ich, eine Serie. "Wie man seine Kinder ordentlich enttäuscht.“ Vielleicht gleich ein Buch daraus machen, ich meine, wenn ich schon einmal etwas wirklich gut kann. Diese Woche: Kauf ihnen ein Smartphone und sperr ihnen darauf das Internet. Sodass sie es nur zum Telefonieren und zum SMSen verwenden können, was für knapp Zehnjährige eine unvorstellbare Demütigung ist. Alle dürfen ins Internet! Nur wir nicht!

Ja, nur meine Kinder müssen ein vollkommen unbrauchbares Smartphone mit sich herumtragen, das nur den einen beleidigenden Zweck erfüllt: das Kind für seine Eltern kontrollierbar zu machen. Und zwar gleich in mehrerlei Hinsicht: Erstens können die Eltern nun stets kontrollieren, wo das Kind gerade ist. Zweitens könnten sie stets kontrollieren, was das Kind so SMSt: Denn derjenige, der die Rechnung bezahlt, weiß natürlich den PIN-Code, und falls nicht, gibt man ihn am Handy des Kindes einfach dreimal falsch ein und macht’s mit dem wohlgehüteten PUK aus der Lade. (Man darf den Kindern natürlich auf keinen Fall ein iPhone kaufen, wegen des Extra-Codes.) Drittens können die Kinder nicht heimlich fragwürdige Spiele aus dem Internet laden, sondern müssen weiterhin das peinliche Babyzeugs spielen, das ihre Eltern ihnen für den Nintendo oder die Wii gerade noch erlauben. Viertens haben sie keinen unkontrollierten Zugang zu Youtube-Videos mit hysterischem Obst oder machosprücheklopfenden ostdeutschen Komikern oder das, was Ostdeutsche für einen Komiker halten. Unfassbar: The Return of the Bauchrednerpuppe. Das war doch schon 1970 nicht lustig! Darauf hatten wir uns doch längst geeinigt: Bauchreden mit Puppen = nicht lustig!!! Also lassen wir das! Aber die Ostdeutschen haben das natürlich nicht gehört, und jetzt ist das unter Zehnjährigen total angesagt, sich Videos mecklenburgvorpommerischer Bauchredner und ihrer Puppen auf Youtube anzuschauen, so lustig, hast du das gesehen, dann er so ähhhh, dann die Puppe so poooh, dann er so …

Jesus und Maria. Es geht so weit, dass das Kind sich jetzt auch so eine Puppe kaufen will, im Internet, einer der Freunde mit internetfähigem Smartphone (genau da führt das hin) hat ihm die Website gezeigt, die Puppe kostet nur 90 Euro und der Joey hat schon eine und die Lilo hat schon eine und der Semmi hat sogar zwei!

Auf keinen Fall gibst du 90 Euro für so einen Scheiß aus.

Ist mein Geld!

Trotzdem nicht.

Aus Protest gibt das Kind sein Geld jetzt zitzerlweise im Papierwarenladen aus, kommt jeden Tag nach der Schule mit einem anderen Drei-Euro-Dreck nach Hause, um dagegen zu protestieren, dass es sich keine sackschirche Bauchrednerpuppe kaufen darf und nicht mit dem Handy ins Netz darf. Mein Geld! Enttäuscht du mich, enttäusch ich dich.

Jaja. Ich werde ein Buch daraus machen, und damit reich werden, und die dumme Puppe kriegt ihr trotzdem nicht.


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