Demnächst im Kino

Sozialritual-Slapstick aus Griechenland: "Alpis“

Lexikon | Joachim Schätz | aus FALTER 16/12 vom 18.04.2012

An den Aufmerksamkeitsbörsen des internationalen Kunstkinos ist zuletzt kein anderes Land so steil im Kurs gestiegen wie Griechenland. Die Zukunft dieser Konjunktur ist freilich fraglich: Regisseur Yorgos Larmithos, nach der unwahrscheinlichen Oscarnominierung seiner Farce "Dogtooth“ (2009) Aushängeschild des Durchbruchs, kündigt im Interview bereits den Auszug mangels staatlicher Fördergelder an. Larmithos’ Filme sind finstere Komödien über die Schmerzen und Freuden der Unterwerfung (inzwischen mag man da auch an das griechische EU-Finanzmelodrama denken), austerity ist sein ästhetischer Modus operandi.

Seine jüngste Arbeit, "Alpis“, stellt in knochentrockenem Groove einen Geheimverband von Sozialdienstleistern vor: Auf Bestellung ersetzen die "Alpen“ verlorene Familienangehörige oder Freunde - zu vereinbarten Zeiten und nach fixiertem Skript. Die Spielregeln dieser Gruppe schälen sich im Laufe des Films erst allmählich aus einer Abfolge zuerst rätselhafter Sozialrituale. Der Übergang von den Aufträgen zu den privaten Interaktionen der Mitglieder gestaltet sich fließend, groteske Automatismen wuchern da wie dort.

Paartanz wird zum Nahkampf, Tennis am Krankenbett gespielt. Innerhalb der Alpen-Gruppe stellt sich eine Krankenschwester (Aggeliki Papoulia) als Knotenpunkt und Unruheherd der Erzählung heraus. Ihr allmähliches Entgleisen aus dem Reglement korrespondiert mit Larmithos’ Ästhetik, die sich im distanzierten (amüsierten bis entfremdungskritischen) Blick auf absurde Alltagsperformanz nicht genügt. Im Ritual lauert das Melodram: Aus dem nüchternen Überblick heraus heftet die Kamera sich an Gesichter und Texturen, und aus der unterspielten Lakonie des Schauspiels bricht ungerichteter Affekt. Sehenswert.

Ab 27.4. im Stadtkino (OmU)


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