Großer Liebhaber und scharfer Analytiker der Künste: Der Theaterdenker Ivan Nagel ist tot

Feuilleton | Nachruf: Wolfgang Kralicek | aus FALTER 16/12 vom 18.04.2012

Zwei ungarische Juden haben im deutschen Theater der letzten Jahrzehnte bleibende Spuren hinterlassen. Der eine ist George Tabori, der andere Ivan Nagel. Als Kritiker, Dramaturg, Intendant, Professor und Essayist glänzte Nagel ein halbes Jahrhundert lang als einer von Deutschlands hellsten Theaterköpfen.

Nachdem das "Judenkind“ (Nagel) den Holocaust überlebt hatte, wurde es 1948 als "Kapitalistenkind“ erst recht aus Budapest vertrieben und landete in Deutschland, wo Nagel unter anderem bei Adorno in Frankfurt studierte. Für seine ersten Theaterkritiken ließ er sich zwar mehr Zeit als die Kollegen, dafür waren sie dann aber auch so brillant, dass der junge Mann als Dramaturg an die Münchner Kammerspiele geholt wurde.

Der Freigeist Nagel wechselte noch mehrmals die Seiten, war abwechselnd bei Zeitungen (Süddeutsche, FAZ) und als Intendant (Hamburg, Stuttgart) engagiert. 1979 gründete er das Festival Theater der Welt; seinen letzten Leitungsjob übernahm Nagel bei den Salzburger Festspielen, wo er 1998 Schauspieldirektor war.

"Ich spielte nicht, inszenierte nicht, dichtete kein Stück“, schrieb Nagel über Nagel. "Nie maßte ich mir an, Künstler zu sein.“ Ivan Nagel war kein Künstler, aber er lebte mit der und durch die Kunst. Seine nicht nur stilistisch bestechenden Texte weisen den Autor gleichermaßen als großen Liebhaber und scharfen Analytiker der Künste aus, wobei sich Nagels Leidenschaft nicht nur am Theater entzündete.

Sein relativ schmales, aber umso dichteres Œuvre umfasst auch Bücher über Mozart ("Autonomie und Gnade“) oder Goya ("Der Künstler als Kuppler“). Und auf die Propagandalügen des Irakkriegs reagierte der stets streitlustige Intellektuelle 2004 mit einem "Falschwörterbuch“.

"Ich gehörte zu drei Minderheiten: als Jude, als Staatenloser, als Homosexueller“, sagte Ivan Nagel in einem vor wenigen Wochen aufgenommenen Radiointerview. Am Ostermontag ist er in Berlin gestorben. F


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