Stadtrand Urbanismuskolumne

Die Warteschlange des Grauens

Stadtleben | aus FALTER 16/12 vom 18.04.2012

Warteschlangen bringen das Schlechteste in einem hervor. Ist so. Möchte man wissen, wie ein Mensch in Wahrheit tickt: Man lasse ihn warten; möglichst lange, an einem möglichst unguten Ort. Über kurz oder lang wird so selbst der Friedfertigste und Ausgeglichenste zu einem Berserker. Deshalb bergen Orte des kollektiven Wartens ein besonderes Gefahrenpotenzial: Postämter, Bahnschalter und Supermarktkassen etwa. Die verschärfte Version: Warten mit Schmerzen, beispielsweise in Spitälern oder Zahnarztpraxen.

Nicht ganz so übel, aber immer noch schrecklich: das Gesundheitszentrum der Wiener Gebietskrankenkasse auf der Mariahilfer Straße - ein Hort des Bösen. Das haben inzwischen auch die dortigen Entscheidungsträger bemerkt und von der darwinistischen Warteschlange auf das zivilisatorische Nummerziehsystem umgesattelt. Weil man aber die Hölle nicht mit einem Kübel Wasser löschen kann, fliegen dort nach wie vor die Fetzen. Oder, wie jüngst erlebt, die Mistkübel, die eine erboste Wartende bei einem Amoklauf lauthals brüllend um sich warf. F

Birgit Wittstock läuft selbst auch tagtäglich Warteschlangenamok - wenn auch nur im Geiste


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