Menschen

Marketingeltangel

Kolumnen | aus FALTER 16/12 vom 18.04.2012

Unter den deutschen Schriftstellerinnen, die in der Schweiz leben, zählt sie zu unseren Lieblingen: Sibylle Berg, Autorin böser Bücher, komischer Kolumnen und witziger Twitter-Nachrichten, war in der Stadt. Bei Freitag, zwischen Taschen aus der Schweiz, die früher einmal Lkw-Planen waren und immer noch so riechen, diskutierte Frau Berg mit Daniel Puntas Bernet, Chefredaktor des Schweizer Magazins Reportagen, und dem Publikum über Journalismus im Allgemeinen und Reportagejournalismus im Speziellen. Immer wenn die Veranstaltung zum Publizistik-Proseminar zu werden drohte, griff die Autorin zum Selbstausgedruckten und las ein bisschen. Highlight. Dabei hatten wir Glück, dass jene Schweizer Illustrierte, die Berg via Twitter mit dem Stürmer verglichen hatte, erst später klagte und sie (noch) nicht ins Gefängnis musste. Übrigens haben wir die Marketingmasche durchschaut: mit guten Abenden Taschen aufpeppen. Auch wenn Berg davon sprach, bei den Freitags eine "Drogeriefiliale zu eröffnen“. Ach, wir lieben diese Frau!

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Noch ein Marketinggag, den wir sofort durchschaut haben: Sportschuhe zum Selbstdesignen. Natürlich ist es irre kreativ, wenn man aus tausend Einzelteilen seine Puma-Sneakers zusammenzwirbeln darf. Aber das Design machen dann trotzdem andere. Also welche, die es können. Zum Beispiel Wiens stilsicherste Modemacherin, die begabte Anna Aichinger. Wobei die im Falle von Puma wohl auch nur zwirbeln durfte in der Kreativfabrik in der Steffl-Schuhabteilung 6th Floor. Übrigens gewohnt puristisch grau in grau.

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Das Konzert der Woche fand in einem privaten Wohnzimmer statt, und wir hoffen an dieser Stelle inständig, nicht auf einen Marketingschmäh reingefallen zu sein. Der wunderbare Wiener Musiker Florian Horwath hat nämlich ein neues und vor allem sehr schönes Album ("Tonight“) in der Baumwolltasche. Bevor es offiziell erscheint, gibt es nun wohl eine Reihe von Wohnzimmerkonzerten im intimen Rahmen. In Paris oder Berlin ist das jetzt Dernier Cri. Wahrscheinlich tauchen eh schon bald auf Youtube Horwath-Clips aus irgendwelchen Wohnzimmern auf. Wir sind jedenfalls mucksmäuschenstill hinter einem Perlenvorhang gestanden und haben nur zugehört. Ganz im Gegensatz zu einigen anderen Gästen der Veranstaltung, die munter weiterplapperten, während Horwath, begleitet von Herrn Hansi und Herrn Peter ("in Personalunion die Jackson Five und die E-Street-Band“). Und als Zugabe gab’s dann noch "Everybody’s Got a Hungry Heart“. Nein, das ist nicht auf dem neuen Album. Das ist von Bruce Springsteen.

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Dann waren wir noch in der Rosa Lila Villa. Wieso? Weil wir da noch nie waren. Zumindest nicht beim legendären lesbisch-schwulen Frühlingsfest. Dabei geht es offenbar in erster Linie darum, kollektiv sehr viele Zigaretten zu rauchen und im kleinsten Raum Bands auftreten zu lassen (die geschätzte Zoo-Kollegin schickte noch begeisterte SMS, im ersten Stock seien die Drinks billiger und hätten Namen wie "Dyke-Queerie“ oder "Homojito“). Wir waren aber wegen der Musik da: Jimmy Rocket und Mia Elektra traten mit den "Stricherjungs“ auf und präsentierten ein Album, das im Mai erscheint. Toll. Die Stricherjungs bliesen den Gästen auf Wunsch Wodka ins Maul, und am Schluss gab es Punschkrapfen für alle. Auch toll. Plus, erraten: Marketinggags!

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Ach ja, Dreharbeiten sind auch: Es geht um das Duell zwischen den Rennfahrerlegenden Niki Lauda und James Hunt. Daniel Brühl spielt Lauda. In Wien. "Rush“ wird der Film heißen. Marketing? Nein.

Christopher Wurmdobler

E-Mail an den Zoo: zoo@falter.at


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