Enthusiasmuskolumne  

Der Himmel hängt voller Viecher

Diesmal: Der beste Rorschachtest der Welt der Woche

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 17/12 vom 25.04.2012

Die berühmteste weltliterarische Beschreibung des Zeitvertreibs, um den es diesmal hier gehen soll, findet sich in der dritten Szene des dritten Aufzugs von "Hamlet“. Da tritt Polonius auf und gibt dem dänischen Prinzen eine gute Gelegenheit, seine manipulative Kompetenz unter Beweis zu stellen: "Seht Ihr diese Wolke dort, beinah in Gestalt eines Kamels?“ Und Polonius antwortet: "Beim Himmel, sie sieht auch wirklich aus wie ein Kamel?“ "Mich dünkt, sie sieht aus wie ein Wiesel“, setzt Hamlet sein Spiel fort. "Sie hat einen Rücken wie ein Wiesel.“ "Oder wie ein Walfisch?“ "Ganz wie ein Walfisch.“

Dieser zölestische Rorschachtest hält auf wunderbare Weise die Balance zwischen Konzentration und Kontemplation. Er kostet nichts und steht auch Mindestrentnern und Menschen ohne Krankenversicherung zur Verfügung. Man kann sich damit, tagsüber, allein oder in Gruppen, unterhalten, solange es nur keinen "wolkenlosen Himmel“ gibt, der ohnedies grotesk überschätzt wird (okay, Nimbostratus ist auch nicht so super).

Das hegemoniale Tier bei diesem Spiel ist im Übrigen der Elefant, aber unter den "Airborn Animals“, die Mitglieder der Cloud Appreciation Society aufgespürt und in dem soeben erschienen Fotoband "Clouds That Look Like Things“ veröffentlicht haben, finden sich auch Delphin, Hai und Red Snapper, eine gigantische Ratte, ein fettes Kaninchen und ein suizidaler Afghane.

Der Autor dieser Zeilen (Mitglied Nr. 13.220) ist - ganz recht - auch mit einem Foto vertreten: einem Cumulus fractus in Form einer erstaunlich scharf konturierten Fünf. Nicht sonderlich originell, aber immerhin der Beginn eines Countdowns (5-4-3-2-1), nach dem ein Düsenjet in den Abendhimmel steigt, um auf der übernächsten Seite ins Matterhorn zu crashen.


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