Das Theater ist eine Insel: Jan Bosses selbstreflexive Inszenierung "Robinson Crusoe“

Feuilleton | Theaterkritik: Wolfgang Kralicek | aus FALTER 17/12 vom 25.04.2012

Seinem Ruf als Rampensau wird Joachim Meyerhoff in dieser Inszenierung nur deshalb nicht gerecht, weil es darin gar keine Rampe gibt. Die Sitzordnung des Burgtheaters wurde für "Robinson Crusoe“ umgedreht: Die Zuschauer (maximal 500) sitzen auf einer Tribüne, die die Bühne und die ersten Reihen des Parketts überspannt; gespielt wird im Zuschauerraum, am Balkon und in den Festlogen.

Mehr als die Hälfte des knapp zweistündigen Abends bestreitet Robinson-Darsteller Meyerhoff solo. Das ganze Burgtheater als Bühne für einen Schauspieler! Zumindest in der ersten halben Stunde, während der Meyerhoff einfach den Roman nacherzählt, wirkt das ziemlich übertrieben.

Aber dann erleidet der Held Schiffbruch und landet auf jener einsamen Insel, auf der er die nächsten 27 Jahre verbringen wird. Und auf den Redeschwall folgen 15 fast wortlose Minuten, in denen sich Meyerhoff/Robinson auf dem unwirtlichen Eiland häuslich einrichtet. Er zerlegt Theaterstühle in ihre Einzelteile, hängt Türen aus den Angeln und bindet sich einen Vorhang als Lendenschurz um.

"Projekt einer Insel“ nennt Jan Bosse seine Inszenierung. Daniel Defoes Roman von 1719 dient ihm als Folie für Reflexionen über das Theater, das kurzerhand zur Insel erklärt wird. Einer Insel, die jeden Abend neu erobert, spielbar gemacht werden muss.

Wenn mit Freitag nach 24 Jahren endlich ein zweiter Mensch auf der Insel auftaucht, bedeutet das für den Schauspieler Robinson Crusoe, dass er endlich ein Publikum hat. Logisch, dass er Freitag (mit Ignaz Kirchner stark gegen den Typ besetzt) zuerst die wichtigste Frage des Theaterbesuchers beibringt: "Hat das eine Pause?“

Ein bisschen viel Aufwand für ein bisschen wenig Substanz betreibt diese merkwürdige Veranstaltung. Die Spielfreude der Schauspieler, einige schön absurde Pointen und letztlich auch die Chuzpe des Konzepts sprechen wieder dafür. Eine Pause hat das übrigens nicht, falls Sie fragen wollten.


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