Neu im Kino

Zweitfrau im Altbau: "Kuma“ von Umut Dag

Lexikon | Michael Pekler | aus FALTER 17/12 vom 25.04.2012

Die Hochzeit im anatolischen Bergdorf läuft zwar nach traditionellen Regeln ab, aber hinter dem öffentlichen Ritual verbergen sich offensichtlich persönliche Dramen. Die junge Braut macht ebenso wenig einen glücklichen Eindruck wie ihr kaum älterer Ehemann, der von seiner Mutter sogar zum Tanzen auf den Dorfplatz geschickt werden muss. Dann heißt es Abschied nehmen, und die Kamera zeigt sich noch einmal von der bizarren Schönheit des türkischen Hinterlands fasziniert, bevor der Filmtitel das kommende Unglück einleitet: "Kuma“ bedeutet "Zweitfrau“, und als solche wurde auch Ayse (Begüm Akkaya) auserkoren. Sie hat, wie sich bei der Ankunft in Österreich herausstellt, nicht den ältesten Sohn der Großfamilie geheiratet, sondern den alten Vater. Eingefädelt hat die verbotene Scheinehe jedoch die krebskranke Mutter, die Ayse zu ihrer Nachfolgerin bestimmt hat.

Für Umut Dağ, Wiener Filmemacher mit kurdischen Wurzeln, ist das der Stoff für ein breit ausgespieltes Drama, obwohl er eingesteht, dass ein solches Szenario nur "in einer Ausnahmesituation in manchen Regionen vorkommen könnte“. Sich dennoch an einem solchen Thema zu bedienen, ist zwar legitim, aber prekär. Denn "Kuma“ ist weniger an den Ursachen kultureller und sozialer Restriktionen interessiert als an deren Zurschaustellung.

Und genau das ist, bei aller handwerklichen Professionalität, mit der Umut Dağ die sich in einer Wiener Altbauwohnung zuspitzende Tragödie inszeniert, das Problem dieses Spielfilmdebüts. Seinem Drang zum großen, emotionalen Kino opfert der Film die Möglichkeit einer Differenzierung - und verfestigt ausgerechnet anhand seiner türkischen Wiener Familie ein Bild gesellschaftlicher Rückständigkeit.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Votiv)


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