Das Theater im Bahnhof schenkt Graz einen eigenen Alexanderplatz

Lexikon | Kritik: Hermann Götz | aus FALTER 17/12 vom 25.04.2012

In der Popkultur gibt’s so was öfter: dass Musiker nach experimentellen Arbeiten zur simplen Songstruktur finden und dabei die schönsten Kleinode hinzaubern, einfache Erzählungen, veredelt durch leisere Störgeräusche. Ähnliches ist dem Theater im Bahnhof mit "Graz Alexanderplatz“ gelungen. Im düsteren Rahmen des Dom im Berg präsentiert das beinahe vollständige Ensemble Pia Hierzeggers Story einer Frau, die, frei nach der Vorlage von Alfred Döblins Berlin-Roman, am Leben scheitert. Zum Einsatz kommt das umfassende Ausdrucksrepertoire des TiB, stets zwischen lakonischer Komik und der Bereitschaft positioniert, sich selbst bloßzustellen. Den Sound dazu liefert Imre Lichtenberger-Bozoki. Es wird die halbe Stadt buchstabiert, unbeholfen getanzt und virtuos um die Wette uriniert. In kleinen solistischen Einlagen zelebriert das TiB die Kunst der Themenverfehlung. Doch im Zentrum der von Ed. Hauswirth und Monika Klengel inszenierten Arbeit bleibt die schlichte Geschichte: Eine Frau versumpert, von Männern ausgenutzt, zwischen One-Night-Stands, Armut und Alkohol, bis sie aufgibt. Die ungewohnte Härte und Traurigkeit des Plots bestimmt auch das Tempo dieses Abends, der sich sehr ruhig entfaltet. Die Langsamkeit kann langwierig werden, aber auch das hat System. Das sichtbare Ergebnis des TiB-Projekts ist weit entfernt von der monumentalen Komplexität, die Döblins Roman berühmt gemacht hat. Aber es erzählt dennoch sehr viel über die dramatischen Mittel und Möglichkeiten zeitgemäßer Unterhaltung. Schönes, melancholisches Theater, das gut zum Wintermotto des TiB gepasst hätte: "Warm anziehen!“

Dom im Berg, Graz, 25.-27.4., 20.00


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige