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Politik | Ruth Eisenreich | aus FALTER 18/12 vom 02.05.2012

Bücher, kurz besprochen

Auf Inspektion im Folterkeller

Eine Open-Air-Party mit Popmusik in einem kasachischen Frauengefängnis? Das macht Manfred Nowak stutzig, zumal ihm der Gefängnisdirektor einreden will, so ein Fest gebe es hier jeden Tag.

Es ist die skurrilste Episode im Buch des Menschenrechtsexperten und ehemaligen UN-Folter-Sonderberichterstatters Nowak. Sonst gibt es hier wenig zu lachen und viel schwer Erträgliches. Wenn Nowak etwa seitenlang Foltermethoden von Schlafentzug bis zum Ausreißen der Fingernägel schildert, muss man sich zum Weiterlesen zwingen.

Im ersten Teil des Buchs befasst sich Nowak mit allgemeinen Fragen zur Folter: Was fällt überhaupt unter den Begriff? Wie und warum wird gefoltert, und kann Folter in einzelnen Fällen gerechtfertig sein?

Im zweiten Teil schildert Nowak seine Missionen in 18 Staaten der Welt, von Dänemark - dem einzigen Land, wo er keine Anzeichen für Folter findet - über China und Paraguay bis hin zu Äquatorialguinea, wo Folter systematisch und auf direkte Anordnung der Regierung stattfindet.

Ein ausführliches Kapitel widmet Nowak Österreich, konkret dem Fall Bakary J. Der Gambier hatte sich 2006 gegen seine Abschiebung gewehrt und war daraufhin von vier Polizisten schwer misshandelt worden. Der Prozess gegen die Folterer habe sein "tiefes Vertrauen in die Unabhängigkeit der österreichischen Justiz zutiefst erschüttert“, schreibt Nowak. Erst sechs Jahre nach der Tat sind drei der involvierten Polizisten entlassen worden, wie der Falter jüngst berichtete.

Manfred Nowak: Folter. Die Alltäglichkeit des Unfassbaren. Kremayr & Scheriau, 239 S., € 22,-


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