Mediaforschung  Nachfragekolumne

Grauslich? Aber geh! In Wien ist man der Scheiße nie nah genug

Medien | Sibylle Hamann | aus FALTER 18/12 vom 02.05.2012

Kaum zu glauben, wie achtlos man in anderen Ländern mit Scheiße umgeht. Die menschliche Scheiße lässt man einfach achtlos ins Wasser der Toilette plumpsen, wo sie gnadenlos durchgequirlt wird; die tierische Scheiße entsorgt man ruckzuck, ehe sie irgendjemand zu Gesicht bekommen könnte.

In Wien hingegen ist das anders. Da sorgt man in allen Lebenslagen für ausreichend Gelegenheit, Scheiße eingehend zu betrachten. Schließlich hat sich schon die Psychoanalyse für die spezifisch österreichische Form der Klomuschel interessiert. Die fängt alles, was fällt, behutsam auf und dient als Präsentiernapf, damit man sich in Ruhe davon verabschieden kann, bevor man es hinunterspült.

Vielleicht muss man ja noch etwas wiederfinden, das man am Vortag versehentlich verschluckt hat. Oder die Beschaffenheit nach Farbe, Geruch und Menge typologisieren, weil man über alles, was beim Körper hinein- und hinausgeht, täglich penibel Buch führt. Wie einst Adalbert Stifter.

So sehr, wie wir in Wien mit Scheißebegutachtung vertraut sind, kann uns das neue Werbesujet der MA 48 nicht mehr schrecken.

Die Konsistenz saftig, die Farbe Ocker, changierend in Richtung warmer Mokka-Chocolat-Ton. Wie ein sattes, pralles, gleißendes Monument liegt dieser Scheißehaufen vor uns, ruht in sich, kein Windhauch stört die Szenerie, aus der Ferne grüßt anerkennend der Donauturm, und selbst der Hund ist in stummer Bewunderung erstarrt. Grauslich? Aber geh! Ein Heiligtum.


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