Selbstversuch

Dreizehn, vierzehn, fünfzehn. Sechzehn

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 18/12 vom 02.05.2012

Die Bäume, die Büsche, das Gras. Leider mussten wir am Montag wieder in die Stadt, weil der Tag vorm 1. Mai doch nicht schulfrei war: Um sechs Uhr Früh in die Stadt fahren, Mimis in der Schule abliefern, Mimis fünf Stunden später wieder aus der Schule abholen, wieder aufs Land fahren. Saudeppert.

Die Mimis waren zwei der wenigen Kinder, deren robuste Organismen einer brutalen, landesweiten Grippewelle trotzten, die von Montagfrüh bis Dienstagabend gut die Hälfte der schulpflichtigen Population Österreichs niederstreckte. Außer den Mimis, aber nicht, weil wir so gesetzestreue Bürger sind, sondern weil wir vergleichbares erst vorletzte Woche gemacht haben und dann noch einmal vor Weihnachten; unser Konto ist leer. Die Schulpflicht ist ein Hund, und nach allem, was ich von Eltern so höre, wird das Gymnasium unser Leben nicht verschönern. Dabei finde ich doch schon die Volksschule anstrengend genug, aber.

Aber ja, klassisches Luxusproblem. Eins von vielen. In Wirklichkeit haben wir ja eh keine anderen. Wie das aktuelle, akut brennende Problem, dass der Lange sagt, er geht jetzt, und dann geht er nicht. Stattdessen geht er vierzehn Mal durch das Zimmer, in dem ich sitze und arbeite, nicht gefühlte, sondern echte, gezählte, mit einer Stricherlliste verifizierte vierzehn Mal, und außer dieser Stricherlliste kann ich jetzt gar nichts mehr anderes schreiben, weil ich die ganze Zeit nur darauf lauere, dass der Lange schon wieder nicht, sondern ein fünfzehntes Mal durchs Zimmer geht, und da kommt er schon und sagt, er geht jetzt, und dann geht er, und dann kommt er noch einmal, weil er muss noch kurz auf den Balkon hinaus, schauen wie eigentlich das Wetter ist und die Temperatur. Das könnte man meiner Meinung nach wahnsinnig gut auch direkt vor der Haustür machen, alles in einem, gehen und das Wetter checken, aber offenbar: nein.

Der Lange berichtet jetzt, es sei warm und schön, ein Verdacht, den ich angesichts der zum Fenster hereinbrennenden Sonne auch schon hatte. Er geht jetzt, sagt der Lange.

Ich wiederhole: Bäume, Büsche, Gras. Bitte. Schnell. Ich will wieder aufs Land. Und bliebe dort gern einmal eine ordentliche Zeitlang. Mir geht’s wie dem Schauspieler Gregor Bloéb, der kürzlich in "Willkommen Österreich“ sagte, wenn er wo sei und es ihm dort gefalle, dann sei er dort schwer wieder wegzukriegen, dann bleibe er lieber dort. Klassisch nach Trägheitsprinzip: "Ein Körper verharrt im Zustand der Ruhe oder der gleichförmigen Translation, sofern er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung seines Zustands gezwungen wird“, a.k.a. Schulpflicht, Erwerbsarbeit und dergleichen.

Beim Langen ist es etwas anderes: Er verharrt nicht, er bewegt sich, er schafft es nur nicht in die Umlauf- oder Weglaufbahn, die ihn automatisch mit Fliehkräften zur Wohnungstür hinausschöbe. Siebzehn. Er geht jetzt, sagt der Lange.


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