Tiere

Landbewegung

Falters Zoo | aus FALTER 18/12 vom 02.05.2012

Gärtnern hieß, was Mutti tat, Gardening jedoch ist Avantgarde! Ebenso flapsig wie bundesdeutsch schrieb die seriöse Zeit über den aufblühenden Trend, sich Freiräume für Pflanzen in den Städten anzueignen und den Anbau von Lebensmitteln in die urbanen Ballungsräume zurückzuholen. Tatsächlich steckt mehr revolutionäre Bewegung hinter diesem "Trend“ als die in Schrebergärten gern gepflegte Jagd auf zugewandertes Unkraut und dröge Buchsbaumheckenschnipselei.

Guerilla-Gärtner schreiben mit Buttermilchsamenbomben Pflanzengraffiti auf Betonwände, und Aktivisten besetzen öffentliche Flächen, um darauf Gemüse für nichtkommerzielle Zwecke anzubauen. Solche Aktionen werden dann auch sehr schnell von Firmen beendet, die laut Eigendefinition das "gesamte Spektrum zur Thematik Schadensbegrenzung abdecken“. Nein, dieser Sicherheitsdienstleister heißt nicht Blackwater GmbH, und die Geschichte spielt nicht in Südamerika, sondern auf einer stillgelegten landwirtschaftlichen Versuchsfläche der Universität für Bodenkultur in Jedlersdorf. Die Firma Hel-Wacht räumte letzten Donnerstag das von Studenten besetzte Feld "friedlich“ (Wahrnehmung der Boku-Vizerektorin) beziehungsweise "extrem aggressiv“ (Gruppe Solidarisch Landwirtschaften in Jedlersdorf). Das provisorische Gartenhäuschen und die Anpflanzungen wurden zerstört. Den p.t. Vorständen der Bundesimmobiliengesellschaft, die als Besitzer der Latifundie möglicherweise jetzt die Augen rollen und seufzen, dass Eigentum auch nicht mehr das ist, was es einmal war, würde ich dazu raten, in guter, alter Kriegsherrentradition den Boden mit Salz zu behandeln, um das Aufkeimen neuer Insubordinationen gegen eine gottgegebene Landverteilung im, ähh, Salz zu ersticken.

Aber als äquidistanter Beobachter des Weltenlaufs helfe ich auch gerne den Besetzern mit Trost und Rat: Investieren Sie nicht so sehr ins Bepflanzen der neuen Flächen, sondern folgen Sie einem weiteren urbanen Trend und widmen sich der Imkerei. Ein Bienenvolk besteht aus etwa 60.000 Arbeitsbienen sowie 2000 bis 3000 Drohnen. Das sind somit jeweils 60.000 Nadelstiche pro Bienenstock gegen aufmarschierende Sicherheitskräfte. Salatpflanzen einzuackern, ist einfach im Vergleich zur Aufgabe, 100.000 empörte Bienen abzuschieben.

Auf Seite 44 finden Sie mehr zum Thema unseres Kolumnisten

zeichnung: püribauer.com


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