Theater  Kritiken

Sonnenschutzfaktor 100: viel Schatten, kaum Licht

Lexikon | Martin Lhotzky | aus FALTER 18/12 vom 02.05.2012

Wissenschaftler, die durch sinnlose Forschung Geld verschwenden. Künstler und Akademiker, die sich, ihrer Beschäftigung überdrüssig, in verworrene Liebeleien verstricken. Spekulanten, die noch aus Dreck Profit ziehen. Aufopfernde Damen mit viel Engagement, aber wenig Sachverstand. Und daneben Russlands primitives Volk: Raufbolde, Alkoholiker und stumpfsinniger Mob, der angesichts der Cholera glaubt, die Ärzte hätten die Epidemie bloß erfunden, um ihm den letzten Rubel aus der Tasche zu ziehen. In "Kinder der Sonne“, kurz nach der Revolution von 1905 geschrieben, hält Maxim Gorki der bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Sonntagsreden von der sonnenhell strahlenden Tugend aller Menschen ein wenig schmeichelhaftes Spiegelbild vor.

Dieses Stücks nimmt sich nun Nurkan Erpulat, 2011 in Theater heute zum "Nachwuchsregisseur des Jahres“ gewählt, am Volkstheater an. Kürzungen, Straffungen und Modernisierungen - so ist der Chemiker Protassow (Patrick O. Beck glaubt, in einer Komödie zu sein) nun ein Genetiker auf der Suche nach der perfekten Bohne - in allen Ehren, wenn dabei aber zu viel Unfug herauskommt und Herrn Erpulat niemand verraten hat, dass das deutsche Grundgesetz ("Die Würde des Menschen ist unantastbar“) in Österreich nicht gilt, also vernünftigerweise in Wien auch nicht zitiert zu werden braucht, dann läuft offenbar einiges schief. Als unterdrücktes Volk stehen Statisten herum und halten Seile, an deren anderem Ende Teile des kargen Bühnenbildes baumeln, oder den Tisch, an dem die Herrschaft speist. Einmal legen sie eine Pause ein, da geht gar nichts weiter. Und die bourgeoise Spaßgesellschaft intoniert zwischendurch "Fein sein, beinander bleiben“ oder zuckt zu Discostampfmusik. Eine ärgerliche, absurde Aufführung.

Volkstheater, Di 19.30


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