Kunst  Kritik

Pleiten, Pech und Pannen: die Kunst des Fehlers

Lexikon | aus FALTER 18/12 vom 02.05.2012

Der Offspace Weißes Haus residiert noch in einem Bürogebäude in der Geigergasse 5-9; der neue Standort wird demnächst bekanntgegeben. Derzeit läuft da die sehenswerte, von Bettina Brunner kuratierte Ausstellung "Getting It Wrong“. Versammelt sind Künstler, die Pleiten und Pannen als künstlerisches Material betrachten. "Mittels fehlerhafter Objekte wird über das Versagen sozialer und anderer Utopien reflektiert“, heißt es in der Ankündigung. Die Künstlerin Heike Bollig etwa sammelt Produkte mit einem Produktionsfehler. Das können Vinylplatten mit falsch platziertem Musiklabel sein (siehe Bild), Teetassen mit zwei Henkeln oder unrunde Glasmurmeln. Wie seltene Briefmarken haben diese Objekte eine geheimnisvolle Aura, als hätte ein Schelm Sand ins Getriebe industrieller Massenfertigung gestreut.

Auch Stefan Eichhorn nimmt den Perfektionismus moderner Funktionalität nicht ganz ernst. Er zeigt das Modell eines von Le Corbusier entwickelten Stahlbetonskeletts, dem Muster für standardisiertes Bauen. Ein unsichtbarer Motor bringt das Minigebäude ins Wanken, als würde ein heftiges Erdbeben einsetzen. Auch Stefan Eichhorn greift einen Gemeinplatz modernen Bauens auf, die aus Dreiecken bestehenden, für die Konstruktion von Industriehallen verwendeten geodätischen Kuppeln. Er adaptiert sie zu wackeligen Stoffzelten. Einen Störfall sozialer Natur inszenierte Annika Ström: Sieben ältere Damen standen am Eröffnungsabend wie zufällig im Eingangsbereich der Ausstellung. Sie haben die Regieanweisung, so zu tun, als würden sie sich ihrer störenden Präsenz gar nicht bewusst sein. Können die alten Schachteln nicht endlich zur Seite gehen?! Der Besucherstrom begann zu stocken und betrat die Ausstellung mit der Erkenntnis, dass auch die gut geölte Kunstmaschine anfällig für Sabotage ist. MD

Das Weiße Haus, bis 19.5.


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