Nachrichten aus dem Inneren

Falter & Meinung | Klaus Nüchtern | aus FALTER 19/12 vom 09.05.2012

Die Redaktion erklärt sich selbst

Der schmale Grat zwischen Versuchung und Verantwortung ist mit Zartbitterschokotäfelchen gepflastert und mit kleinen Zäunchen aus Marzipan begrenzt. Auf den Aussichtsplattformen vor der Knusperberghütte aber stehen Kolleginnen und Kollegen mit süßen Stimmen und finsteren Absichten, die einem gute Ratschläge entgegenrufen: "Tu dies! Mach jenes! Die Nachwelt wird es dir danken und mit glacierten Maronen nach dir werfen.“ Der Sieg hat viele Väter, der Mächtige Freunde ohne Zahl - wenn er dumm genug ist, das zu glauben. Tatsächlich aber gilt, wie Randy Newman schon vor 40 Jahren sang: "Jeder hier weiß, wie ich heiße / Es ist ’ne verrückte Scheiße / Aah, wie dünn ist Gipfelluft.“

Der Chefredakteur durchquerte gerade mit seinem Monaco-Signature-Wohnmobil das Südburgenland, Florian Klenk hatte sich mit dem Learjet auf nach Bern gemacht: Am vergangenen Montag wurde die Redaktion von einer Rumpfregierung geführt, die nur noch aus einer einzigen Person bestand - mir. Es hätte können mein Tag sein. Was gäb es nicht alles zu tun?! Die Raumordnung ändern! (In manchen Zimmern sitzen Leute aus Politik, Feuilleton oder Stadtleben promiskest durcheinander!) Die Aufgaben neu verteilen! (Warum soll nicht auch ein Politikredakteur einmal einen Einspalter schreiben?!) Der Zeitung einen neuen Namen geben! (Die Falte wäre ein geschlechter- und alterspolitisches Fanal!) Oder gar eines der Ressortleitfarbenartikelankündigungskastln auf dem Cover weglassen??!! Noch nie war ich so nahe daran gewesen, dem Rausch der Macht zu erliegen.


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