Am Apparat  Telefonkolumne

Ist der flüchtige Häftling gefährlich, Frau Roßmanith?

Politik | Interview: Nina Horaczek | aus FALTER 19/12 vom 09.05.2012

Vergangene Woche türmte ein verurteilter Vergewaltiger in Wien während eines Spitalsbesuchs und ist seitdem auf der Flucht. Der Falter sprach mit der Gerichtspsychiaterin Sigrun Roßmanith über die Gefährlichkeit derartiger Verbrecher.

Müssen sich die Wienerinnen jetzt besonders fürchten, Frau Roßmanith?

Ich kenne den konkreten Akt nicht. Der Mann soll rechtskräftig verurteilt sein wegen eines sexuellen Gewaltdelikts und wurde als höhergradig abnorm beurteilt, was an sich mit Gefährlichkeit verbunden ist. Er soll seine Partnerin misshandelt haben. Damit wurde das Delikt innerhalb einer Beziehung und nicht zufällig verübt.

Wieso macht das einen Unterschied?

Wenn ein Täter Menschen, die er misshandelt, zufällig wählt, ist jeder ein potenzielles Opfer. Eine Beziehungstat hat hingegen immer eine Vorgeschichte. Bei dem Geflüchteten könnte es zum Beispiel sein, dass seine Partnerin sich trennen wollte.

Wieso gerade eine Trennung?

Weil sehr viele Beziehungstaten von Männern verübt werden, wenn Frauen sich trennen möchten.

Welche Motive haben Vergewaltiger?

Es gibt Vergewaltiger aus Gelegenheit, die sexuelle Gewalt ohne Vorplanung ausüben, weil sie ein Bedürfnis haben. Dann gibt es die, die von Wut und Rache an Frauen getrieben sind, und die dritte Gruppe der Sadisten, denen das Leiden des Opfers Lust bereitet.

Müssen Eltern Angst haben, wenn sie ihre Kinder auf den Spielplatz schicken?

Für das kleine Kind am Spielplatz ist dieser Mann keine Gefahr, es sei denn, seine Strafkarte weist auch pädosexuelle Delikte auf. Üblicherweise ist dies eine ganz andere Tätergruppe, die eine schwere Störung der Sexualität aufweist. Die meisten Vergewaltiger weisen hingegen eine Störung der Persönlichkeit auf, Sexualität dient ihnen als Instrument, Macht auszuüben. Pädosexuelle Täter wählen eine ganz andere Opfergruppe.


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