Kohldampf im trojanischen Pferd: das neue Gossip-Album "A Joyful Noise“

Feuilleton | aus FALTER 19/12 vom 09.05.2012

:: Gossip sind nicht die erste popaffine Band aus der Indieszene, die sich mit dem britischen Produktionsteam Xenomania zusammentut. Franz Ferdinand und New Order haben das auch schon probiert, sind aber unverrichteter Dinge wieder abgezogen.

Produzent Brian Higgins ist einer, der sich gern auch songschreiberisch einmengt, was manche Bands eben nicht vertragen. Andererseits weiß er eben auch, wie man rund um einen minimalen Groove eine schlüssige Melodie flicht und Spannung auf dem Weg zum zügigen Refrain erzeugt, ohne die pathologische Angst des Radio-Playlist-Programmierers vor dem Unvorhergesehenen zu wecken.

Und doch funktioniert "A Joyful Noise“ immer dort am besten, wo die Stimmung ein bisschen düster wird beziehungsweise Gossip, die Band, unter dem Xenomania-Sound zum Vorschein kommt. Also wann immer Hannah Blilies freies Trommeln und Brace Paines funkig-punkiges Gitarrenspiel die Eighties-Kaugummi-Keyboards verdrängen dürfen. Ein Beispiel dafür ist der überzeugend bedrohliche Opener "Melody Emergency“, ein anderes das milde kapitalismuskritische "Get a Job“ oder "I Won’t Play“, das Beth Ditto etwas Gelegenheit zum Ausleben ihrer Stimmgewalt bietet.

Das schlaue Konzept der mutwillig subversiven Infiltrierung des Mainstreams durch im Punk sozialisierte Bands ist nun schon gute 30 Jahre alt, und nichts, was Higgins und Gossip hier tun, wäre der New-Pop-Generation der frühen 80er-Jahre fremd vorgekommen. Daran ist an sich noch nichts verkehrt, ganz im Gegenteil.

Ein Trojanisches Pferd zu bauen, lohnt sich allerdings nur, wenn dessen Bauchladung auch eine gefährliche ist, und "A Joyful Noise“ bietet letztlich nur, was der Titel verspricht. Manche meinen, die Tatsache, dass eine Frau wie Beth Ditto in den körperfaschistischen Mainstream vorgedrungen ist, sei schon subversiv genug. Aber wer sie reden hört, darf Herausfordernderes erwarten. RR

Gossip: A Joyful Noise (Sony), ab 11.5.

Live: 10. Juli, Burg Clam


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