Weihnachtsbeleuchtung, ganzjährig

Stadtleben | Stilkritik: Christopher Wurmdobler | aus FALTER 19/12 vom 09.05.2012

Seltsam: Neuerdings leuchten nicht nur Sehenswürdigkeiten, sondern ganz normale Häuser

Da steht man dann also nachts vor einem zwar frisch angestrichenen, aber ansonsten recht unscheinbaren Zinshaus in der Vorstadt und wundert sich: Was ist an diesem Gebäude so besonders, dass man es hell anstrahlen muss? Okay, es gibt vielleicht eine Apotheke im Erdgeschoß und Arztpraxen weiter oben. Aber die in regelmäßigen Abständen angebrachten, eleganten Niedervoltlampen, die die Fassade indirekt erhellen, haben ganz bestimmt nichts mit übertriebenem Sicherheitsbedürfnis zu tun. Schließlich gäbe es sonst auch Überwachungskameras.

Ganz normale Wiener Zinshäuser, deren Fassaden nachts leuchten, als handle es sich dabei um Stadtschlösser, Opernhäuser oder Theater - das ist neu. Wenn irgendwo eine Filmpremiere ist oder der Life Ball im Rathaus, dann strahlt man das betreffende Gebäude an. So wissen gleich alle Bescheid: Oh! Hier passiert gerade etwas sehr Aufregendes oder immens Wichtiges.

Hinter dramatisch illuminierten Zinshausfassaden passieren sicher auch wichtige Sachen. Den ganzen Tag lang und vor allem nachts. Aber das ist privat und geht niemanden was an. Und plötzlich werden ganz normale Bauten zum Hingucker. Schon klar, Hausbesitzer, so eine Fassadenrenovierung kostet eine Menge Geld. Und natürlich ist es super, wenn der Putz nicht bröckelt und man als Passant nicht befürchten muss, von Fassadenteilen getroffen zu werden. Deshalb muss man aber doch nicht gleich das ganz große Showprogramm aufziehen und Lichter anbringen, wo vorher keine waren! ("Akzente setzen“, sagen wahrscheinlich jene Vertreter, die Hausbesitzern solche Fassadenlampen andrehen.)

Eines Tages werden Mietshauswände mit tausenden LEDs bestückt sein, die Eigentümer werden Reklameflächen zu Werbezwecken vermieten oder Künstler einladen, bizarre Filmchen fürs Fassadenkino zu kreieren. Wien leuchtet jetzt schon ganz schön. Eigentlich sollte man die Menschen schlafen lassen.


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