Selbstversuch

Nichts, lass mich jetzt bloß in Ruhe

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 19/12 vom 09.05.2012

Die meisten Probleme zwischen Männern und Frauen entstehen dadurch, dass sie miteinander Kinder haben. Kleine Kinder. Kleine Kinder sind so sauverdammt anstrengend. Und solange man kleine Kinder hat, kann man es sich einfach nicht vorstellen: dass sie größer und weniger anstrengend werden und dass das die Probleme zwischen der Frau und dem Mann maximal minimiert. Der Umstand, dass die Mimis schon bei den größeren und dadurch unproblematischen Kindern ressortieren, bringt den Langen und mich in eine überraschende und gewöhnungsbedürftige Position: Wir sind nun das gelassene, harmonische Paar, das dem nicht so gelassenen, akut unharmonischen Paar (dem mit den kleinen Kindern) Trost spendet und Mut macht: Es wird besser, es wird besser, alles wird zuverlässig besser.

Wir sind nun das Paar, das sich immerhin noch daran erinnern kann, wie es damals, mit den noch kleinen Mimis, im Bregenzerwald zwei Wochen lang praktisch ununterbrochen getuscht hat zwischen uns und wie uns damals keiner auch nur mehr drei Monate gegeben hätte. Wir sind jetzt das Ja-so-waren-wir-auch-einmal-Paar, dem’s auch einmal ganz genau so ging. Wir sind das Aber-jetzt-schaut-uns-an-Paar, ohne dass wir das werden wollten: Aber zwei nicht unschwierige Personen, die es schon mehr als zwei Jahrzehnte miteinander aushalten, werden das wohl automatisch. Länger, als unsere Eltern uns ertrugen, bitte, und die mussten. Man fühlt sich ein wenig alt, wenn man dieses Paar ist, das sich in so eine gemeinsame Gelassenheit eingeschwungen hat. Es ist komisch.

Der Eindruck mildert sich allerdings ein wenig, wenn man eine halbe Stunde später wie eine Furie auf den Langen losgeht, der sagt, vorher hat dein Handywecker geläutet. Wann vorher. Ungefähr vor fünf Minuten. Wieso hast du mir nichts gesagt?!?! Dafür hätte ich aufstehen müssen. Ja, Scheiße, du fauler Sack, jetzt ist es zu spät?!?! Was? Etwas auf E-Bay, und das kommt nie wieder! Was denn? Egal, es ist zu spät. Was jetzt wirklich? Nichts, lass mich in Ruhe. (BTW: acht wahnsinnig seltene Lilienporzellanteller, und das erwähnt man infolge eines Tellerkaufverbots lieber nicht.)

Aber wir wurden danach trotzdem gefragt, wie man es so lange miteinander aushält. Und da hat der Lange etwas für ihn erstaunlich Vernünftiges gesagt. Er sagte: Man sollte zum Beispiel aufhören, sich verstehen zu wollen, man versteht sich nämlich sowieso nicht, und wenn man das einmal akzeptiert, wird es leichter. Man wird sowieso nicht gleich; besser, man lernt, mit den Unterschieden zurechtzukommen. (Ich glaube, das stimmt, bis auf den einen Unterschied, wenn der eine, und sei es nur vorübergehend, seine ökonomische Autonomie aufgibt und der andere nicht. Den halte ich für unüberbrückbar.)

Und man muss die Kinder größer werden lassen. Dann sich zurücklehnen. Ging’s uns auch mal so? Wahrscheinlich, kann mich gerade nicht erinnern.


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