Kunst  Kritik

Quellen und Quitten: Politik in der Secession

Lexikon | aus FALTER 19/12 vom 09.05.2012

Die Secession ist Schauplatz zweier Ausstellungen politisch engagierter Kunst. Der deutsche Künstler Stephan Dillemuth sondert sich in "Öffentliche Verkehrsmittel“ vom kommerziellen Rummel um den im Secessionsgebäude ausgestellten Klimt-Fries ab, indem er eine Hintertür öffnet. So kann der Besucher kostenlos in die Schau, ein Akt der institutionellen Öffnung, wie der Künstler betont. In einem Spielzeugbrunnen tröpfelt ein dünner Wasserstrahl, eine Rückbesinnung auf die öffentlichen Brunnen ("Open Source“), an denen sich einst die Bürger zum Tratsch und zur politischen Agitation trafen. Die Installation "Ohne Alles, auch ohne Titel“ besteht aus einem sich drehenden Sockel, der Aufnahmen einer Livekamera an die Wand projiziert. Zu sehen sind die Passanten und Autos vor der Secession; der öffentliche Raum dringt in den Kunstraum. Verursacht wird die Rotation von ineinander greifenden Zahnrädern, die für die meist unsichtbaren Antriebskräfte der Gesellschaft stehen. Der Künstler zeigt keine Opfer, wie es in politischer Kunst häufig der Fall ist, sondern verpackt seine Thesen über den Verfall des öffentlichen Raums in etwas kryptische Allegorien.

Auch das Kollektiv Slavs and Tatars hat einen politischen Anspruch. Thema von "Not Moscow Not Mecca“ ist Zentralasien, eine sowohl vom Kommunismus als auch vom Islam geprägte Region. Auf einem Tisch versinnbildlichen Granatäpfel, Quitten und Sauerkirschen die "kollektive Autobiografie der Flora Zentralasiens“. Auch Wassermelonen künden von der Ferne, und von deren Klischees. "Sie stehen für das andere.“ An den Ästen eines Maulbeerbaums hängen geknotete Bänder. Die Besucher haben die Möglichkeit, sich auf Matratzen aus Usbekistan auszuruhen - und über so viel intellektuell verbrämten Nonsens herzhaft zu lachen. MD

Secession, bis 17.6.


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