Film  Neu im Kino

Testbilder einer Krise: "Headshots“

Lexikon | aus FALTER 19/12 vom 09.05.2012

Ein wiederkehrender Albtraum: "Ich geh durch die Stadt, durch die Straßen, und da ist keiner.“ Da klingt Antonioni an. Auch in Lawrence Tooleys "Headshots“ weist dieses Entfremdungstableau auf existenzielles Unbehagen hin. Eine Schwangerschaft und ein Todesfall bringen Modefotografin Marianne (die Wienerin Loretta Pflaum) aus dem Tritt. Ja, Berlin ist der Schauplatz, und im Presseheft ist von der "Jungen Kreativen Szene“ die Rede, aber, nein, als Selbstzerfleischung getarnten Narzissmus muss man hier genauso wenig aussitzen wie Modernekritik im Namen des Echten.

Der Texaner Tooley, der an der dffb in Berlin Film studiert hat, realisierte diesen ersten Langfilm häppchenweise, als Sammlung von Vignetten, die Mariannes Sinnkrise aus verschiedensten Winkeln ausleuchten. Nicht alles, was dabei zwischen Beziehungsmelodram und Befindlichkeitssatire irrlichtert, geht auf. Oft genug bleiben einem aber gerade die eigenwilligsten Erfindungen hängen. So kann man zuschauen, wie ein Beziehungsdreieck auf die denkbar lapidarste Weise implodiert, und "Michael“-Regisseur Markus Schleinzer absolviert einen feinen Kurzauftritt als Nazifilm-Komparse mit Nebenberuf Consulter.

Zusammengehalten wird das Mosaik von einem soliden Gespür für die wunden Punkte seiner Charaktere und Typen und - Antonioni lässt wieder grüßen - von einer filmischen Intelligenz, die Szenen von räumlichen Gegebenheiten her entwickelt. In Berliner Altbauwohnungen werden hier Stellungskriege und Ausweichmanöver ausgefochten. Überhaupt: wie gierig dieser Film (Buch: Tooley und Pflaum) übers "Szeneporträt“ hinaus alles in sein melancholisches Universum einsaugt, was ihm in der Stadt unterkommt. Ein bemerkenswertes Debüt. JS

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