Kunst Kritik

Rote Gefahr: Gustav Klimt im Theatermuseum

Lexikon | aus FALTER 20/12 vom 16.05.2012

"Nuda Veritas“, 1899

Die Geburtstagstorte für Gustav Klimt bekam ein weiteres Kerzchen. Das Österreichische Theatermuseum besitzt mit dem Gemälde "Nuda Veritas“ (1899) ein Hauptwerk des Künstlers und zeigt es nun mit Materialien aus dem Nachlass des Schriftstellers Hermann Bahr, in dessen Besitz sich die "Nackte Wahrheit“ befand. Das Bild zeichnet sich durch ein extremes Hochformat aus. Die dargestellte rothaarige Frau ist nackt, ohne das vom moralisierenden Blick der Gesellschaft verlangte antikisierende Mäntelchen. Eine Inschrift über dem Akt macht das Gemälde zum Programmbild. "Vielen gefallen ist schlimm“ lautet das - verkürzt wiedergegebene - Schiller-Zitat. Was das Bild von zeitgenössischer Pornografie unterscheidet, sind zahlreiche Anspielungen, die den zeitgenössischen Betrachter intellektuell befriedigten. So kräuselt sich eine Schlange, die einer allegorischen Darstellung des Neids entstammt, listig um die Beine des Mädchens. Das Motiv der verführerischen, in ihrer selbstbewussten Erotik modernen Rothaarigen entnimmt Klimt dem Werk des belgischen Symbolisten Fernand Khnopff.

Das Augenmerk der kleinen Schau "Gegen Klimt“ gilt dem Wiener Kontext des Bildes. Gemeinsam mit Kolo Moser publizierte Klimt die Schrift "Gegen Klimt“, eine Zusammenstellung journalistischer Schmähungen, die sich nach Auffassung der Herausgeber selbst entlarvt. Neben dieser Publikation sind alltägliche Notizen Bahrs zu sehen, etwa der Eintrag "Klimt abholen“. 4000 Kronen (23.000 Euro) bezahlte der Autor für das Bild, immerhin ein Viertel des Betrags, das er für sein Wohnhaus ausgab. Der Reformarchitekt Joseph Maria Olbrich entwarf die Villa in Ober-St.-Veit. Aus den ebenfalls ausgestellten Bauplänen geht hervor, dass das Bild Teil des Gesamtkunstwerks war. MD

Österreichisches Theatermuseum, bis 29.10.


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