Mediaforschung  

Wir wollen auch nicht, dass der Süße über die Gleise läuft!

Nachfragekolumne

Medien | Sibylle Hamann | aus FALTER 20/12 vom 16.05.2012

Machen wir einen kleinen Ausflug mit der Bahn. In die Welt der Jugendpsychologie. Die Pubertät ist, wenn wir uns richtig erinnern, jene Zeit, in der man meint, neue Wege zu entdecken, die noch nie zuvor jemand gegangen ist. In der man Grenzen ausloten, überschreiten will.

So fremd fühlt sich die Welt an, ein bisschen unheimlich, klar, aber man spürt sich. Und ist fest davon überzeugt, dass niemand anderer einen jemals verstehen kann. Weder die Erziehungsberechtigten noch die Spießernachbarn, weder die Lehrer noch die ÖBB-Schaffner, wenn man nachmittags mit dem Zug von der Schule heimfährt. All die Leute, die sich tagein, tagaus immer nur auf den vorgegebenen Wegen bewegen, auf den eingefahrenen Gleisen. Sich an ihre kleinen Sicherheiten klammern. Weil sie sich nicht mehr spüren wollen, spüren können.

Okay. Irgendwie müssen die alten Schnarcher den Kids trotzdem mitteilen, dass es ziemlich deppert ist, direkt über Bahngleise zu laufen, womöglich noch mit Stöpseln im Ohr. Weil dort Züge fahren, die viele Tonnen wiegen und einem die Gliedmaßen abtrennen und die hübschen Köpfe zerquetschen können. Und weil man, Pubertät hin oder her, dann gar nix mehr spürt, weil man dann nämlich tot ist, auf der Intensivstation oder im Reha-Zentrum.

Seit 2010 hängen deswegen also diese Plakate in den ÖBB-Bahnhöfen. Wenn ich sie sehe, fühle ich mich wie 15. Doch wenn ich den Text lese, weiß ich: Nein, die verstehen mich immer noch nicht.


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