Selbstversuch

Institutionelle Harmonie gibt’s nicht

Kolumnen | Doris Knecht  | aus FALTER 20/12 vom 16.05.2012

Wenn man lange genug betont, wie wurscht einem der Muttertag ist, wenn man immer und immer wieder erklärt, wie sehr man die Fascho-Institution Muttertag verachtet und wie gestohlen sie einem bleiben kann, dann verfängt das irgendwann bei der Familie. Muttertag heuer: nichts. Kein Kaffee in der Früh, keine Blumen, kein sonniges Muttertagsfrühstück, keine Gedichte. Der Lange schlief extra so lange, bis ich’s ohne Kaffee nicht mehr aushielt und mir selber einen machte. Die Mimis schauten einmal kurz ins Schlafzimmer, um mir zur Kenntnis zu bringen, dass sie auf das Muttertagspipapo jetzt keine Lust hätten, später vielleicht, der Tag sei ja noch lang, ciao derweil.

Da niemand ein mutterwärmendes Feuerchen im Ofen gemacht hatte, versteckte ich mich mit Kopfhörer im Bett und schaute mir am Laptop noch zwei Folgen "West Wing“ an. Ich schaue jetzt schon seit drei Jahren "West Wing“, immer nur auf dem Land, an den Abenden, an denen es zu grimmig ist, um draußen zu sitzen, und an den Abenden, an denen ich zu müde dazu bin, weil ich zu viele Abende davor draußen saß. Ich bin jetzt in der fünften Staffel, und ich weiß nicht, was ich tun werde, wenn das in zwei, zweieinhalb Jahren aus ist. Egal. Ich verblieb unter meinem Kopfhörer bis zum späten Vormittag, so viel Muttertagsprivileg darf ja wohl sein, dann stand ich auf, zog mich an und baute den Paradeisern ein Dachl.

Der Erste, der mir heuer zum Muttertag gratulierte, war nachmittags um zwei der Herr Verleger, den ich wegen irgendwas anrief. Immerhin schenkte mir gegen vier herum der freundliche Horwath ein Muttertagssprudelgetränk ein. Beim Abendessen schließlich kriegte ich von den Mimis dann doch noch selbstgeschriebene Gedichte und selbstgemachte Geschenke und das ganze nette, rührende Muttertagstralala, das mir eigentlich wirklich komplett am Dings vorbeigeht. Was nur der Lange bis Mitternacht respektiert hat.

Das hat überhaupt nichts damit zu tun, dass die letztes Mal hier beschworene institutionelle Harmonie wieder dahin ist. Man soll derlei nicht verschreien, so eine Harmonie ist auch nach all den Jahren noch scheu und flüchtig, und wenn sie ertappt wird, tschaulitschaubababisbald, ihr könnts ja in der Zwischenzeit ersatzweise ein bisschen streiten. Oh ja, können wir. Es geht nämlich doch auch ohne die Mithilfe kleiner Kinder. Permanent wachsendes Gras tut’s auch, ein gemeinsamer Ikea-Besuch wirkt noch immer zuverlässig. Man muss dabei gar nicht an den Küchenplanungslehrling geraten, der die Arbeitsplatte dreimal neu zeichnen und den Plan dreimal seinem Lehrlingsbetreuer am anderen Ende der Halle vorlegen muss, aber es hilft enorm. Ich bangte um des Lehrlings junges Leben und schickte den Langen vor zu den Fleischbällchen. Auf dem Weg dorthin gab es viele hübsche und praktische Dinge für die gute Mutter, und ich bekam keines davon.


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