Fragen Sie Frau Andrea

Persisch-rhabarberlich: Ribiseln auf der Nase

Kolumnen | aus FALTER 20/12 vom 16.05.2012

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

neulich in der Bim sitzend, wurde ich Ohrenzeuge eines Gesprächs zweier älterer Wiener Damen aus der Vorstadt, die sich über ihre Augenärzte unterhielten. Dabei fiel neben anderen Erörterungen der despektierliche Satz: "I waß ned, ob ma eam trau’n soi, er miachtlt imma leicht noch Cognac und hod soiche Riwisln auf da Nosn.“ Bitte um Erläuterung.

Beste Grüße, Adam Berger,

per Elektronachricht

Lieber Adam,

ein Urteil über die fachlichen Qualitäten des von Ihrer Mitpassagierin blumig beschriebenen Ophthalmologen kann ich kaum fällen. Österreichs Alkoholiker sind bewundernswerter Leistungen fähig.

Der Wiener Ausdruck "Riwisl“ oder "Ribisl“ (vielfach auch "Ribisln“) auf der "Nosn“, also "Ribisel auf der Nase“, beschreibt in anschaulicher Weise eine Sonderform der Rosazea oder Kupferrose, einer meist im fünften Lebensjahrzehnt beginnenden entzündlichen Hautrötung des Gesichts.

Die knollenartigen Wucherungen der Nase älterer Männer sind klinisch als Rhinophym bekannt, Nichtmediziner sprechen von der Trinkernase. Wohl weil neben scharfen Gewürzen, Hitze, Kälte und Sonnenlicht die Volksdroge Alkohol das Wachstum der imposanten Nasenpusteln begünstigt. Eine Ribislnase in Vollblüte zeigt das um 1490 entstandene Gemälde "Alter Mann mit Enkel“ des Florentiner Renaissancemalers Domenico di Tommaso Curradi di Doffo Bigordi, genannt Ghirlandaio.

Als Riwisl oder Ribisl bezeichnen die Wiener die Rote Johannisbeere (Ribes rubrum) aus der Familie der Stachelbeergewächse (Grossulariaceae). Das lateinische Wort "ribis“ oder "ribes“ geht trotz seiner Österreichischkeit allem Anschein nach auf persisch "riwās“ oder "ribās“ zurück und gelangte über Syrien ins Arabische. Es bezeichnete ursprünglich eine Rhabarberart (Rheum ribes).

Der Name wurde im Mittelalter wegen des säuerlichen Geschmacks der Ribislbeeren, der an jenen des Rhabarbers erinnert, für die Johannisbeeren übernommen.

Wollte man in Gegenwart von Betroffenen aus Gründen der politischen Korrektheit den Begriff Ribislnase für Rhinophym vermeiden, wäre es zumindest etymologisch nicht falsch, von der persisch-rhabarberlichen Herausforderung zu sprechen.


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