Kritik

Lautes Bellen, leises Beißen: Jonathan Meese

Lexikon | aus FALTER 21/12 vom 23.05.2012

Wrooooaw! Rahhhr! Der deutsche Künstler Jonathan Meese (Jg. 1970) zeigt im Ausstellungszentrum xhibit der Akademie der bildenden Künste unter dem Titel "Totalste Graphik“ druckgrafische Arbeiten. Die meist großformatigen Lithografien, Radierungen und Holzschnitte stellen Bildnisse von Göttern, Helden und Celebrities dar, von Mona Lisa bis Friedrich Nietzsche, von Stalin bis zur Kunstfigur Mr. Banananniwurscht. Zwischen eruptiv gemalten Strichen tauchen schwere Zeichen wie das Eiserne Kreuz auf.

In krakeliger Schrift schreibt der Künstler Slogans über die Köpfe, etwa "Diktatyrr der Kunst“ oder "Schulmädchen Jonathan“. In der Tradition dadaistischen "Gestammels“ stehend, sucht Meese eine möglichst direkte, auch an kindliches Gekrakel und die Art-brut-Kunst erinnernde Ausdrucksform. In einer Performance zur Eröffnung der Ausstellung Mitte März in der Aula der Akademie stellte der Künstler sich als Performer vor, formulierte seine Idee einer "totalen Kunst“ in einer gebrüllten Ansprache bis zur körperlichen Erschöpfung. Er rief zur Machtübernahme der Kunst auf, erreichbar nur mit einem völligen Systemwechsel von der "Demokratie oder irgendeiner anderen von Menschen gemachten Regierungsform“ zur "Diktatur der Kunst“. Gut gebrüllt, Löwe!

Die in der kommunistischen Propagandakunst erprobte Technik des Holzschnitts erscheint für Meeses Avantgardegestus das geeignete Mittel. Die visuelle Lautstärke der Bilder ist hoch, ohne jedoch den gewünschten Effekt zu erzielen. Denn anders als der Primitivismus der Dadaisten in der konservativen Umgebung der 1920er-Jahre beißt Meeses Kunst nicht, trotz lauten Gebells. Die Bilder wirken so harmlos wie die Bösewichte in Comicheften, die intendierte Totalität bleibt kunsthandwerklicher Zierrat. MD

Akademie der bildenden Künste, xhibit, bis 27.5.


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