Neu im Kino

Für Voyeure ungeeignet: Bonellos "Haus der Sünde“

Lexikon | Gerhard Midding | aus FALTER 21/12 vom 23.05.2012

Im Salon wird Konversation gemacht. Man parliert über Mode und Geschäfte, die Dreyfus-Affäre und Literatur. Der erotische Tauschhandel, der die eigentliche Raison d’être dieser Immobilie ist, tritt diskret in den Hintergrund. In Erwartung zukünftiger Genüsse herrscht eine Atmosphäre exquisiter Ermattung.

Madame Marie-France führt ein kultiviertes Haus. Der Salon ist elegant möbliert, seine Wände sind mit allegorischen Darstellungen drapiert. Die Fantasien der Kunden werden im oberen Stock gewiss köstlichste Erfüllung finden, im Salon jedoch wird ein Schauspiel aufgeführt, das betrachtet werden will. Darin ist das Freudenhaus ganz der Epoche verpflichtet, in die Betrand Bonello seinen Blick versenkt. Die Belle Époque ist im französischen Kino traditionell Synonym für Eleganz, Freiheit und Müßiggang; sie gilt als Zeitspanne der Sorglosigkeit. Bordelle nannte man seinerzeit maisons de tolérance.

Das "Apollonide“ alias "Haus der Sünde“ ist ein verwunschener Ort, in dem Traum und Realität in rätselhafter Symmetrie zueinanderfinden. In ihm existiert eine Utopie von Gemeinschaft, deren Kehrseite die Versklavung ist. Die Angestellten von Madame Marie-France sind intelligente Frauen und dennoch nicht gefeit vor falschen Hoffnungen und Blessuren. Obsessiv kehrt der Film zu einem Ereignis zurück: Ein Freier entstellte das Gesicht einer Hure mit einem Messer. Das ist nicht nur ein abscheuliches Verbrechen, sondern auch ein Verrat des Vertrauens. Bonello filmt sein exzellentes Ensemble nicht mit auftrumpfender Solidarität, sondern wissbegieriger Sympathie.

Die Nacktheit fängt Kamerafrau Josée Deshaies mit der Sorgfalt einer Chronistin ein. Ihr Anblick ist ein ästhetisches Erlebnis, kein appetitanregendes.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Admiral)


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