Enthusiasmuskolumne  

Er duftet und leuchtet, es ist eine Freud

Diesmal: Der beste Schmetterlingsblütler der Welt der Woche

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 22/12 vom 30.05.2012

Was hat den guten Mann bloß gegen dieses Gewächs aufgebracht? Der designierte Direktor der Schule für Dichtung, Fritz Ostermayer, ließ sich vergangene Woche im Falter zu einer verwunderlichen floralophoben Philippika hinreißen: "Ein Gedicht, in dem das Wort Ginster vorkommt, werde ich sowieso nie lesen.“ Gut, man kann wirklich nicht jedes Gedicht der Welt lesen, und wenn man die mit "Ginster“ weglässt, fällt schon mal einiges und sicher mehr weg, als wenn man sich für so alltägliche Wörter wie "Glühbirne“, "Gehirnforschung“ oder "Grammelschmalzbrot“ entschieden hätte.

Reimtechnisch ist der Ginster in der Tat mäßig ergiebig. Das aufgelegte "finster“ eröffnet nicht eben ein schillerndes semantisches Spektrum: "Finster, finster, finster, finster / nur der Glühwurm glüht im Ginster / und der Uhu ruft im Grunde, / Geisterstunde.“

Viel besser als in diesem Kinderlied geht es nicht, weswegen die Lyrik auf gereimten Ginster weitgehend verzichtet. Der deutsche Dichter Hermann Löns verwendet in seinem Gedicht "Wunderblüten“ das Reimschema A-B-C-B und befreit den Ginster am Zeilenende von C vom Reimzwang; sein Landsmann Detlev von Liliencron setzt in "Maibaum“ auf A-B-A-B, bringt den Ginster dafür schon zu Zeilenbeginn; und auch Ringelnatz verfährt in "Ich hab dich so lieb“ ähnlich: "(…) Nun ist mir traurig zu Mut. / An den Hängen der Eisenbahn / Leuchtet der Ginster so gut.“

Der in Neapel verstorbene Giacomo Leopardi hat "die duftvolle Ginsterblume“ ausgerechnet auf den Vesuv gedichtet, wo doch "Genista aetnensis“ naturgemäß an den Hängen des Ätna erblüht. Er wollte dem genügsamen Ginster aus guten Gründen näher sein: Er riecht gut, sieht gut aus - er ist einfach ein guter Typ!


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