Stadtrand 

"Haben Sie zufällig 90 Cent für mich?“

Urbanismuskolumne

Stadtleben | aus FALTER 22/12 vom 30.05.2012

Christopher Wurmdobler war sehr onkelig und hat einem fremden Kind ein Eis finanziert

Eine reiche Gesellschaft muss Bettler aushalten. Man selbst muss aushalten, Nein zu sagen. Und die Bettler müssen das dann natürlich auch aushalten. So einfach ist das. Wenn aber einen ein nettes Kind im netten Fußballdress auf einem teuren Mountainbike sitzend fragt, ob man ihm 90 Cent geben könne, dann muss man doch zurückfragen, warum. Warum? "Weil ich mir ein Eis kaufen möchte.“ Aha. Und wieso hast du kein Geld? "Ich habe“, sagt das Kind, "einen Euro gehabt, aber der ist mir aus der Hand gefallen und im Kanaldeckel verschwunden.“ Ach, da gibt man dem fremden Kind doch einen Euro! Und fühlt sich erst irre onkelig und dann ein bisschen seltsam.

Geht das? Darf man mit fremden Kindern überhaupt sprechen? Darf man ihnen Geld geben, damit sie sich an der Tankstelle ein Eis kaufen? Steht man plötzlich als Kinderverzahrer da? Aber, hey!, das Kind hat gefragt. Selbstbewusst und freundlich. Und es ist ja nicht an den Falschen geraten, sondern an den, der auch einmal einen Euro springen lässt. Also den, der nervige Obdachlosenzeitungsverkäufer anknurrt.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige