Kommentar  

Wenn ein Kind begraben wird, dann ist das keine Nachricht

Mord in Wagram

Falter & Meinung | Benedikt Narodoslawsky | aus FALTER 23/12 vom 06.06.2012

Die Journalisten, die so gründlich über den Mord von Wagram berichtet haben, könnten sich einmal in die Lage der Mutter versetzen: Jemand klopft an ihre Tür, ein Polizist steht auf der Fußmatte. Er sagt, ihr Mann hätte ihren Sohn aus der Klasse geholt und ihm in den Kopf geschossen. Der Junge schwebe in Lebensgefahr. Sie solle schnell mitkommen.

Ja, Medien sollen und dürfen über derart verstörende Taten berichten. Sie sind von öffentlichem Interesse. Aufgrund des Mordes in Wagram wird jetzt über das Gewaltschutzgesetz diskutiert. Doch wo beginnt das öffentliche Interesse? Wo muss es enden? Wo verletzt man die Würde des Opfers, des Täters, der Angehörigen? Die ethische Grenze ist ein schmaler Grat. Auf der einen Seite lechzen Leser nach Buchstaben und Bildern. Sie wollen wissen, wie dieses Kind aussah. Wie es starb. Auf der anderen Seite stehen jene, für die der Mord keine Schlagzeile ist, sondern ein lebenslanges Trauma - für die Mutter etwa. Jede Zeile zu viel, jedes Bild kann ihre seelische Bürde noch schwerer machen; ihr das Gefühl vermitteln, jemand freut sich über ihr Schicksal. Weil er daraus Kapital schlagen kann.

Im Fall Wagram entschieden sich Journalisten von Krone bis Kurier für die Auflage und gegen die Pietät; unverpixelt wurde das ermordete Kind zur Schau gestellt. Österreich ging sogar so weit, das Begräbnis des Kindes via Liveticker zu übertragen. Erst als auf Twitter ein Proteststurm losbrach und Inserenten daraufhin ihre Werbung stornierten, wurde der Ticker eingestellt. Österreich war nicht allein. Auch der ORF berichtete vom Begräbnis.

Eine Familie begräbt ihr totes Kind. Neuigkeitswert: null. Lasst sie künftig doch einfach in Frieden.


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