Enthusiasmuskolumne  

Der Snack-Spaß nach Maß: Liebe zur Hass

Diesmal: Die lässigste Mahlzeit der Welt der Woche

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 23/12 vom 06.06.2012

Die Einführung der Kiwi in Österreich wartet noch auf ihre definitive literarische Würdigung, verlief aber in etwa so: Irgendwann tauchten in den 70er-Jahren Früchte auf, die innen aussahen wie Stachelbeeren und außen wie schlecht rasierte Hoden. Obwohl es auch bald Fälschungen aus Italien oder China gab, kam die wahre, weil wohlschmeckende Kiwi - so wie auch der gleichnamige flugunfähige Vogel - aus Neuseeland. Bei ihrer Einführung kostete eine Kiwi das Monatseinkommen eines Durchschnittspensionisten.

Wäre die Kiwi ein Lorbeergewächs, wäre sie eine Avocado. Das Wort kommt aus dem Aztekischen und bedeutet "Hoden“. Auch bei der Avocado wusste man lange nicht so recht, warum und wie man sie essen soll, denn so wie die Kiwis vorzugsweise in der Konsistenz holzhart oder mostmatschig in den Obststeigen der Südfrüchtekleinhändler herumkullerten, wurde die Avocado meist im steinharten Zustand angeliefert.

Das hat sich zum Glück geändert. Super- und Lebensmittelmärkte haben sich zu einer didaktischen Offensive entschlossen und machen mit eigenen Aufklebern auf den Reifegrad von Avocados aufmerksam. Die erfreulichste Innovation auf dem Gebiet des Avocadoimports ist die Einführung einer kalifornischen Mutation namens Hass. Die Hass ist kugeliger als die Fuerte und wird mit zunehmendem Reifegrad auch erkennbar dünkler (braunviolett), sodass man nicht immer zwei Dutzend Avocados abtatschen muss, bevor man eine von wünschenswertem Weichheitsgrad findet.

Eine Hass ist ein toller Snack, zwei Hass sind eine Hauptmahlzeit. Einfach schälen, halbieren und dann mit etwas Teurem bestreuen und -träufeln: Fleur de Sel, Langpfeffer, Olivenöl, Balsamicoreduktion - simple is the new sophisticated!


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