Urbanes Betragen

Benimmfibel für Großstadtmenschen (67)

Stadtleben | aus FALTER 23/12 vom 06.06.2012

Frau S. möchte wissen, ob annähernd gleiches Alter, ähnlicher Kleidungs- und Lebensstil oder das Nennen des Vornamens ungefragtes Duzen von Fremden rechtfertigt?

Freilich, es gibt gewisse Subkulturen und Szenen, in denen Siezen extrem eigenartig ankommt. Trotzdem hat das pauschale Duzen und jemanden mit dem Vornamen anzusprechen wie im Englischen keine Entsprechung im Deutschen. Hier wird aus Respekt oder zur Distanzierung gesiezt. Manch einer mag das anachronistisch und konservativ finden, es ist aber ein wunderbares Mittel, um subtextuale Botschaften zu transportieren: siehe das bei Polizeibeamten so beliebte, abfällige Geduze von Beamtshandelten. Oder umgekehrt: die Respektsbekundung im Siezen von Obdachlosen. Immerhin lässt sich ein überkandideltes Sie einfacher in ein amikales Du verwandeln als ein abwertendes Du in ein respektvolles Sie.

Noch Fragen? stadtleben@falter.at


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