Selbstversuch

Du würdest alles nur verderben

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 23/12 vom 06.06.2012

Seit ich in knappen Frequenzen damit drohe, dass ich jetzt aber wieder einmal etwas Fleischloses kochen werde, muss ich nicht mehr kochen. Der Lange kocht jetzt: immer. Oder er grillt, das Grillen ist ihm sehr ans Herz gewachsen, schon vor dem neuen Gerät, schon als er begriffen hat, dass Grillen den von Teilen der Familie angepeilten selektiven Vegetarismus von ihm fernhält beziehungsweise ihn dorthin verweist, wo er nach Ansicht des Langen hingehört: ins Reich der Beilagen.

Seit meine Drohung im Raum steht, Gemüse und Körndlsättigungszeugs in den Rang von Hauptmahlzeiten zu erheben, kocht oder grillt der Lange auf täglicher Basis, und sicherheitshalber besorgt er, er hat jetzt einen neuen Freund, seine Fleischrationen nicht nur für den jeweiligen, sondern vorausschauend für den nächsten und manchmal den übernächsten Tag. Die Frau lässt sich am besten vom Herd fernhalten, wenn man ihr klarmacht, dass sonst was Wunderbares, Wertvolles und Seltenes im Kühlschrank verderbe, etwas ganz Spezielles, das des Langen neuer Freund von irgendwo hinten unten hervorgezaubert hat, wo er es vor Fleischbanausen und anderen Frauen sicher versteckt.

Der neue Freund ist Metzger und Jäger, und der Lange kehrt stets glücklich und beseelt von den Besuchen bei ihm zurück. Und nein, er stellt mir seinen Freund sicher nicht vor, mein fleischfeindlicher Dilettantismus würde zuletzt doch nur alles verderben, er bringt mir dafür seine Frankfurter mit: Und okay, das sind die weltbesten.

Der Lange bringt aber auch sonst nur schönste Ware, und natürlich kann er seinen Freund nicht mit Dekagrammgeknicker beleidigen, also kommt er nie zurück ohne mindestens drei Fleischrationen für jeweils circa acht hungrige Bergbauern, die den ganzen Tag geheut haben. Was unsere Fleischversorgung für die nächsten acht bis zehn Tage sichert, da wir ja von jedem Gericht zwei bis drei Tage lang satt werden, und die hungrigen Bergbauern, die mit knurrendem Magen aus dem Schlaf schrecken, auch noch in der Nacht. Und während ich, hahaha, ja einmal versuchen kann, die Reste der Kürbis-Kräuter-Quiche von gestern ein zweites Mal zu servieren, kann man Schweinsbraten mit Knödeln problemlos drei Tage hintereinander essen. Sicherheitshalber liegt für die Tage darauf schon ein Dreikilobrocken Roastbeef im Kühlschrank ab.

Das Geburtstagsfest der Mimis vorletztes Wochenende, bei dem der Lange tapfer den ganzen Abend lang gegrillt hat, dauerte bis in den Sonntag hinein. Ich stand um halb acht auf, fing an, die Sauerei vom Vorabend zu beseitigen und Frühstück für die 20 oder so übriggebliebenen Gäste zu machen. Um halb zehn schleppte sich der Lange aus der Schlafkammer und an mir vorbei, dann erschien er in der Küche und sagte: Guten Morgen, ich habe jetzt das Wildschwein aus dem Tiefkühler geholt.

First things first. Ich koch dann nächste Woche mal.


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