Tiere

Lautschrift

Falters Zoo | aus FALTER 23/12 vom 06.06.2012

Peter Iwaniewicz lässt nicht das Herz, sondern seine Lippen sprechen

Aufmerksame Beobachter von Tischgesprächen haben es immer schon vermutet: Der Ursprung der Sprache liegt im Schmatzen! Diese Theorie zur Entstehung menschlicher Lautäußerungen stammt vom US-Biologen Peter MacNeilage und wurde nun auch vom Kognitionsbiologen der Universität Wien, Tecumseh Fitch, unter-, ähh, …füttert.

Das mag nun wertkonservativen Menschen unangenehm aufstoßen, denn zu den Basistugenden gutbürgerlicher Erziehung gehört das Unterdrücken aller nicht durch Stimmbänder erzeugter Töne wie Rülpsen, Furzen und eben Schmatzen. Interessanterweise existieren als "schöne“ und hochsprachliche Bezeichnungen für diese Tätigkeiten nur Hauptworte: Ructus ist der Rülpser, Flatulenz nennt der Mediziner den Darmwind. Wahrscheinlich würden die möglichen Verbformen wie zum Beispiel "flatulieren“ eine unpassende Poetik versprühen.

Egal, hier soll nicht abgeschweift, sondern die Bedeutung einer nur scheinbar nebensächlichen Studie betont werden. Schmatzen erweist sich nämlich als komplexe Leistung des Gehirns, die sich klar von simplen Kaubewegungen mit offenem Mund unterscheidet.

Das bei den Menschenaffen übliche Brüllen und Kreischen ist genetisch fixiert, und diese Laute können auch kaum variiert werden. Töne, die mit den Lippen erzeugt werden - und dazu zählt auch das Schmatzen -, lassen sich vielfältig modulieren. Auch menschliche Sprache wäre ohne Zungen- und Lippenbewegung nur sehr rudimentär möglich. Die Koordination von Zunge, Lippen und Kiefer ist eine besondere, erst spät in der Evolution aufgetauchte Leistung des Gehirns. Nur wenige Tierarten können Töne nachahmen: Neben Singvögeln, Papageien und Kolibris können bei den Säugetieren sonst nur Wale, Delphine und Seehunde komplexe Tonfolgen bilden und wiedergeben.

Diese Erkenntnis hat ungeahnte Auswirkungen auf unseren westlichen Benimmkodex: Wer andere Menschen anschreit - und das kommt bekanntlich in den besten Familien vor -, der bedient sich einer sehr archaischen und in seinen Ausdrucksmöglichkeiten limitierten Kommunikationsform. Kann man aber mit seinen Lippen wohldosierte Schmatzlaute erzeugen, dann signalisiert der kultivierte Menschenaffe, dass er gleichermaßen auch zur melodischen Silbenproduktion fähig ist.

zeichnung: püribauer.com


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