Kritik

Etüden für Alurohr und Schaumstofferker

Lexikon | aus FALTER 23/12 vom 06.06.2012

Vom Sockel gestürzt, zerfällt das Denkmal in tausend Scherben. Die Skulptur aus der Ewigkeit der Götter und Helden zu lösen und sie in den Wirbel der Gegenwart zu werfen ist das große Thema zeitgenössischer Skulptur, so auch bei Michael Kienzer. Dabei entfernt er sich so weit vom majestätisch in die Höhe Ragenden, dass seine Skulpturen - oder besser, Objekte - die Gestalt von Hängematten annehmen können. 2009 brachte er an den Bäumen des Wiener Bruno-Kreisky-Parks rote Hängematten - formal gesehen, gefaltete Linienraster - an, dem müden Passanten zur Ehre. In ähnlicher Manier stapelt der Künstler Töpfe zu Säulen. Unlängst ging seine Ausstellung im Kunsthaus Graz zu Ende, nun ist er in Wien zu Gast.

Anders als die auf den jeweiligen Ort reagierenden Werke im öffentlichen Raum stehen in "Formfolgen“ Materialeigenschaften im Vordergrund. Zwischen Glasscheiben gezwängte Schaumstoffmatten formen sich zu voluminösen Erkern, an die Wand gelehnte Bretter und Gläser gehen in auf dem Boden gestapelte Bretter und Gläser über. Zusammen bilden sie ein leicht geknicktes L, eine Verneigung vor dem Baumarkt als Steinbruch raumbildender Elemente. Die größte Ausdehnung hat "Sich“, das aus Aluminiumrohren, Eisenträgern und Stahlseilen besteht. Man könnte darin eine der Schönheit matt-silbern glänzender Zylinder und Kuben huldigende Komposition sehen, wäre das Werk nicht aus billigem Industriematerial gemacht. Damit vermeidet der Künstler den Eindruck von Sakralität. Auch wirkt die Konstruktion alles andere als wetterfest, was ihren temporären, zufällig wirkenden Charakter unterstreicht. Insgesamt kann man also von sehr anspruchsvollen Übungen zum Thema Volumen, Oberfläche und Konstruktion sprechen, die ihre Nähe zu Industrie und Alltag nicht leugnen. MD

Galerie Elisabeth & Klaus Thoman, bis 15.9.


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