Kritik

Liegen und Stützen für den Geist

Lexikon | aus FALTER 23/12 vom 06.06.2012

Die Interessen des Künstlerduos Glegg & Guttmann umfassen philosophische und wissenschaftsgeschichtliche Themen. Bildtheoretische Überlegungen fließen ebenso in das Werk ein wie Gedanken über die soziale Rolle von Kunst. Die Ausstellung "Portraits and Other Cognitive Exercises 2001-2012“ ist eine Miniretrospektive der unterschiedlichen Themen.

Zu sehen sind die Bibliotheksskulpturen, die für spezielle Orte gestaltet wurde. "Sha’at’nez“ entstand 2004 im Auftrag des Wiener Freud-Museums. Übereinandergetürmte, mit einer Leiter versehene Bücherregale erinnern an die von Wien nach London transportierte Bibliothek Sigmund Freuds - und an den psychoanalytischen Begriff der Verschiebung.

In den "Geistigen Übungen“ geht es um Kunst unter erschwerten Bedingungen. "Cognitive Exercise II“ sieht ein Streichquartett vor, dessen Musiker mit Stangen aneinandergebunden sind und sich so beim Spielen stören, eine Hommage an die avantgardistische Zerstörung akademischer Schönheit. Ohne Freud-Museum und Streichquartett wirken die Werke etwas rätselhaft.

Leichter fällt der Zugang zu den Porträtfotografien, Clegg & Guttmanns bekanntestem Werkblock. Seit den 1980er-Jahren widmen sie ihre Aufmerksamkeit dem Thema Porträt. Anfänglich porträtierten sie Freunde in Posen barocker Fürsten und Kaufleute, es folgten reale Manager und Politiker. In "Allegory of Government“ (2011) ist etwa der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit zu sehen. Sein Blick ist konzentriert nach vorne - in die Zukunft - gerichtet. Dieser Mann versteht sein Geschäft! Manipuliertes Licht lässt Firmenvorstände zu Gangstern und Ehepartner zu Kontrahenten werden. Anders als in den zu allegorischen Installationen gelingt es dem Künstlerduo hier, sein Wissen und seine Belesenheit in anregend ironische Bilder zu übersetzen. MD

Bawag Contemporary, bis 10.6.


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