Neu im Kino

Grimmige Grimms: "Snow White and the Huntsman“

Lexikon | Michael Pekler | aus FALTER 23/12 vom 06.06.2012

Nur wenige Wochen nach dem kunterbunten "Mirror Mirror“ geht es für Schneewittchen in die nächste Runde. Dass die Düsternis von "Snow White and the Huntsman“ (R: Rupert Sanders) dem von den Brüdern Grimm vor genau 200 Jahren veröffentlichten Märchen besser entspricht, liegt aber nicht nur daran, dass in der Vorlage die Königin sich nicht vor dem Verzehr der vermeintlichen Leber und Lunge der Stieftochter scheut.

Im Film gibt Charlize Theron die in Milch badende Böse, die sich einen sinistren Bruder als Handlanger hält und bei Bedarf auch gerne in schwarze Vögel auflöst. Tatsächlich widersprechen die jeweiligen Deutungsversuche der beiden Produktionen einander nicht: Während in "Snow White“ die dunklen Kräfte wirken, kommen diese in "Mirror Mirror“ als das Hysterische und Exaltierte zum Vorschein. Nicht als Konkurrenzprodukte sind die beiden Versionen zu sehen, sondern als zwei Seiten desselben Spiegels: Hier die überdrehte Komödie, dort die actionreiche Fantasy. Denn so wie die Grimms ihre Hausmärchen für eine breite Leserschaft zusammentrugen, so sind auch beide filmische Adaptionen für ein möglichst breites Publikum konzipiert und liefern entsprechende Interpretationsvielfalt.

Die braunen Moore und grünen Hochebenen, in denen nun die Königstochter (Kristen Stewart) mit Schild und Schwert den Kampf der Aufständischen anführt, erfüllen die in sie gesetzten Erwartungen in Sachen Schauwert, während die sieben Zwerge und der axtschwingende Jäger (Chris Hemsworth) direkt dem Figurenarsenal von "Lord of the Rings“ entsprungen zu sein scheinen. Dass "Snow White“ auch der bösen Königin eine traumatische Kindheitserinnerung zuschreibt, funktioniert nicht nur als tiefenpsychologischer Erklärungsversuch: Das aus dem Menschen selbst kommende Böse macht dieses umso schrecklicher.

Derzeit in den Kinos (OF im Artis und Haydn)


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