Selbstversuch

Hast du irgendwas gesagt?

Kolumnen | Doris Knecht  | aus FALTER 24/12 vom 13.06.2012

Meine Familie hört mich nicht mehr. Keiner. Die Mimis verbringen neuerdings ihre komplette Freizeit unter Kopfhörern und würden die auch zum Essen aufbehalten, wenn ihre nichtsnutzigen, verständnislosen Eltern das erlaubten.

Wieso nicht?

Weil wir uns einmal am Tag mit dir unterhalten wollen.

Ich aber nicht.

Tja, rate einmal, wer hier die Chefs sind, inkl. dem Portfolio, dir diesen Kopfhörer enteignen zu dürfen.

Chhhh. Na gut.

Der Versuch, ein Mimi anzusprechen, verlangt nach Zeichensprache und Pantomime, und es gibt ja gute Gründe, warum die Mutter schreibt, sie ist nämlich vollkommen unbegabt in den darstellenden Künsten und empfindet es als grobe Zumutung, dass ihre Brut sie nun zwingt, auf unbeholfenste Weise vor ihr herumzukasperln wie Herr Hampelmann persönlich. Was regelmäßig zu einem Gebrüll führt, welches ein Kind selbst durch den dichtesten Kopfhörer und die aufregenderen Teile der Hörspielfassung der "Vorstadtkrokodile“ zu vernehmen vermag, die ihnen ihre gute Tante Anna zum Geburtstag geschenkt hat. Ich bin so gesehen ja eh froh, dass es Kopfhörer gibt, aber.

Aber schlimmer: Auch der Lange hört mich nicht mehr; und das führt zu Konflikten ernsterer Natur. Weil was bedeutet das schon, wenn der Lebensgefährte jede Artikulation der Lebensgefährtin mit einem genervten "Wassssss?!?“ beantwortet?

Dabei sind die Ursachen natürlich ganz klar, und nein, es liegt nicht daran, dass ich, wie der Lange behauptet, seit geraumer Zeit nur noch vernuschelt murmle. Ich spreche, wie ich immer gesprochen habe. Genauso wie meine Mutter, die mit meinem Vater augenblicklich das gleiche Problem hat, welcher sich ununterbrochen beschwert, man halte ihn absichtlich von wichtigen Informationen fern, indem man ihm dies und das nicht erzählt habe. Hat man wohl, er hat es nur nicht gehört, aber, weil er das nicht zugeben wollte, trotzdem genickt.

Mein Vater ist fast 25 Jahre älter als der Lange, hat allerdings nicht 35 Jahre lang seine Ohrmuscheln immer schön dort platziert, wo die Rockmusik am lautesten war. WROAAM. Home is where my head scheppers, das ist der Lange. Während my home dort ist, wo ich eine Familie antreffe, die meine Worte mit interessiertem Wohlgefallen aufnimmt und darauf mit liebevoller Anteilnahme und einem Lächeln repliziert. Wasssssss?!? Hast du was gesagt? Ja, habe ich. Aber keiner hört mich mehr. Wenn einen keiner mehr hört, nimmt man das irgendwann persönlich und verstummt. Dabei bin ich, glaube ich, schon jetzt keine von den Müttern/Lebensgefährtinnen, die ununterbrochen die Pappn offenhaben. Aber wenn das so weitergeht, sage ich demnächst daheim gar nichts mehr und verlege mich vollständig auf schriftliche Kommunikation via E-Mail und SMS. Bitte, ich schreibe eh lieber, als ich rede, u better get used 2 it.


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