Menschen

Hippe Kicker

Falters Zoo | Ingrid Brodnig, Barbara Schellner, Benedikt Narodoslawsky | aus FALTER 24/12 vom 13.06.2012

Hipster-Auflauf und Menschentrauben wie zu Zeiten der Viennale gab es am Mittwochabend vor dem Gartenbaukino anlässlich der Festivaleröffnung von Vienna Independent Shorts. Schauspielerin Tatjana Alexander führte kurzweilig durch den zweistündigen Eröffnungsabend, im Publikum klatschte unter anderem Karl Markovics. Danach drängten alle ins Freie, wen wundert’s: Der Abend war lau, der nächste Tag ein Feiertag, und tanzbare Musik vom Partykollektive Bebop Rodeo verleitete zum verweilen. Zu lange, zumindest nach Meinung der Polizei, die gegen halb fünf den Platz räumte. Zurück blieben leere Gläser und zufriedene Gäste.

Noch mehr Hipster, dafür keine Polizei, gab es dann am Wochenende bei der Sommerausgabe des Fesch’Markt in der Ottakringer Brauerei. Nach einer vergleichsweise kurzen Wartezeit vor der Brauerei (man denke an das letzte Mal im Winter zurück) fanden wir am Samstag recht schnell Einlass in den Designmarkt oder, besser gesagt: die Armutsfalle. Auf mehreren Floors präsentierten unter anderem useabrand, TohuwaboHUT und Lotte näht alles, was das Herz und vor allem das Fashionvictim braucht oder eben nicht. Shoppen macht ja bekanntlich auch hungrig, stärken konnten wir uns im Hof mit Köstlichkeiten von der Paninoteca und dem ausgezeichneten Espresso von der Kaffeefabrik. Ausgerüstet mit unserem neuen, feschen Jutebeutel verließen wir schließlich arm, aber glücklich das Gelände.

Die Russen rocken die EM, diesen Eindruck machte es zumindest vergangenen Freitag, dem Eröffnungstag der Europameisterschaft, als die Russen Konkurrent Tschechien 4:1 wegputzten. Schön war dieses Spiel in der Pratersauna anzusehen, die kurzerhand in die "Ballesterer EM-Sauna“ umbenannt wurde. Da trat zur Einstimmung die Band Russkaja rund um Frontmann Georgij Alexandrowitsch Makazaria auf. Eine super Idee, zum Fußballspiel auch eine passende Band spielen zu lassen! Wenn kommenden Freitag Schweden gegen England antritt, hätten wir gerne ein Live-Musik-Battle von den Cardigans versus Blur in der EM-Sauna. Schließlich ist Fußball nicht alles - Popmusik ist auch wichtig!

So ein Pech! Ein Menschenauflauf. Es müssen Millionen sein. Gibt es gratis Apfelkuchen? Oder Freibier? Nein, es gibt bloß Karten. Zu wenige für Millionen Menschen. Deshalb stellen sie sich an, in aller Herrgottsfrüh und lassen Passanten nicht vorbei. Weil sie Campino und seine Toten Hosen hören wollen. Die deutsche Band wird ein Akustikkonzert spielen, im Burgtheater. Es ist früh, 7.40 Uhr, man will auf kein Konzert, man will da nur irgendwie durch, eingezwängt zwischen Burgtheater und fahrender Straßenbahn. Es gibt Polizisten. Wer sich an ihnen vorbeidrängt, den strafen sie mit bösen Blicken. Am nächsten Tag steht in den Zeitungen, beim Vorverkauf wäre es zu Tumulten gekommen. Man müsse froh sein, dass nichts Ärgeres passiert sei. So ein Glück. So ein Riesenglück.

Ein Sommernachtstraum. Vorne spielen die Philharmoniker, und hinten treten sie einem auf die Füße. Man könnte es so sehen wie auf den Fotos, von oben. Schönbrunner Schlosssicht: Eine erhabene Bühne, die beleuchtete Gloriette, davor vier blühende Barockgärten, dazwischen die Masse aus tausenden Gratishörern. Man kann es auch so sehen wie einer aus der Masse: vorne ein Kopf. Dahinter ein Kopf. Links und rechts: Köpfe. Ganz oben am Nachthimmel kreuzen Laser durch die Nacht. Man schließt die Augen und hört einfach nur zu, was Gustavo Dudamel den Philharmonikern dirigiert. Fast so schön wie Schlosssicht.

E-Mail an den Zoo: zoo@falter.at


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