Tiere

Fluchtwege

Falters Zoo | aus FALTER 24/12 vom 13.06.2012

Peter Iwaniewicz rüttelt an den Gitterstäben der Kolumne

Wie kann man sich über die Welt freuen, außer wenn man zu ihr flüchtet?“, aphorisierte weiland Franz Kafka. Zwei junge Geparden setzten diesen Spruch letzte Woche in die Tat um und verließen zuerst ihren Käfig und dann den Tiergarten in Salzburg. Dies bot den Medien ausreichend Gelegenheit, möglichst viele Synonyme für das Wort "fliehen“ zu verwenden. Je nach Gemütsverfassung des jeweiligen Journalisten waren diese Großkatzen entflohen, entlaufen, ausgebüxt, entkommen, ausgerissen, abgehauen oder getürmt. In diesen Verben schwingt auch viel Meinung über die Rolle von Zoos mit, die sich je nach persönlichem Standpunkt zwischen Gefängnis und Tierrefugium bewegt.

Diese kleinen Fluchten stoßen auf überraschend viel mediale und öffentliche Resonanz, wie es auch schon bei der aus der "menschlichen Obhut entwichenen“ deutschen Kuh Yvonne der Fall war. Ihr drei Monate dauernder Ausbruch aus ihrem vorgesehenen Schicksal auf der Schlachtbank nach einem unerfüllten Leben als Milchkuh sprach offenbar bei vielen Menschen verdrängte Sehnsüchte an. Rebellion gegen das scheinbar Unvermeidliche, eine Phase selbstbestimmten Lebens, mehr als fünf Minuten Berühmtheit und schlussendlich ein abgesicherter Ruhestand ist vermutlich genau jener Eskapismus, von dem alle Bürohengste und -stuten träumen. Zurzeit wird Yvonne als Person des öffentlichen Interesses als "Tier-Orakel“ für die Fußballeuropameisterschaft 2012 eingesetzt. Und ja, auch ich beneide sie darum und würde lieber so wie sie ein Gratisessen aus den mit den Nationalflaggen der Mannschaften verzierten Futtereimern vor einem Millionenpublikum einnehmen, als wöchentlich in einer Reihe mit den anderen Faltern an der Kolumnenabgabestelle vorbeizuflattern.

Ich habe mich auch schon für den Fall meines Ausbruchs über die Folgen erkundigt: In Österreich ist die Flucht als solche straffrei. Genauso, wie mir das Recht auf Verweigerung einer Zeugenaussage, die mich selbst belasten würde, zusteht, so erwartet der Gesetzgeber von Gefangenen nicht, dass sie sich durch Erduldung des Einsperrens selber schaden.

Da man aber beim Ausbruch meistens neue Straftaten wie Sachbeschädigung (Gitterstäbe durchsägen) oder Diebstahl (Mitnahme der Gefängniskleidung) begeht, bleiben diese Fluchten nie straffrei. Da bleibe ich doch lieber in meinem Kasten sitzen.

zeichnung: püribauer.com


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