Kritik

Zum Schluss ist jeder irgendwo der Fremde

Lexikon | Sara Schausberger | aus FALTER 24/12 vom 13.06.2012

Auf einem Foto, das eine Szene der Hungerkatastrophe in Somalia zeigt, ist ein sterbendes Kind abgebildet, daneben ein Geier. Philipp Scholtysik beschreibt dieses Bild und will es dem Publikum zeigen. Aber statt es an die Wand zu projizieren, stellt er es nach. Scholtysik ist selbst in Somalia gewesen, er hat einen Freund beim Myrrhehandel begleitet. Die Taiwanesin Bee Chang kam nach Berlin, um Gesang zu studieren. Bei der Aufnahmeprüfung sagte man ihr, ihre Stimme klinge zu asiatisch. Die Inszenierung "Blickakte - Betrachtungen aus der Ferne“ verwebt diese zwei Geschichten über die Fremde auf clevere Art: Zum Schluss ist es ein Zimmerbrunnen aus Taiwan, der die Myrrhe aus Somalia destilliert.

Das Stück ist eines von dreien, die es ins Finale des Nachwuchs-Theaterwettbewerbs der Drachengasse geschafft haben. "Was heißt hier fremd?“ lautete das diesjährige Thema, erstaunlich unterschiedlich sind die Beiträge geraten. Während "Blickakte“ auf persönlicher Ebene handelt, treten in "Gürtel“ (Trigger Track Collective) verschiedene Nationen im Österreich-Eignungstest gegeneinander an. Sie versuchen, den Zillertaler Schürzentanz oder die Nationalhymne zu erlernen. Ganz lustig.

"Die Europa“ von Philipp Weiss schließlich ist der ästhetischste Beitrag des Wettbewerbs, eine Mischung aus Objekt- und Sprechtheater. Europa steht hier für vieles: ein "Schiff mit Minusfracht beladen“; ein Land, das angesteuert wird; eine Passagierin. Europa kritisiert sich am liebsten selbst, "rinnt aus allen Löchern“ und will in 20 Minuten Inszenierungszeit ein bisschen zu viel. Insgesamt ein spannender Wettbewerb, bei dem es neben dem Jury- einen Publikumspreis zu gewinnen gibt. Also hingehen und mitstimmen!

Theater Drachengasse, Bar & Co, Fr, Sa, Di, Mi, Do 20.00 (bis 23.6.)


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