Kritik

Kein Wunder! Zirkus in der Kunsthalle Wien

Lexikon | aus FALTER 24/12 vom 13.06.2012

Waghalsige Luftsprünge und gefährliche Messerwürfe, Zwerge und Elefanten, Tschingderassabum und ein barock uniformierter Direktor: Vor der Entstehung des Kinos war der Zirkus der Ort zur Unterhaltung der Massen. Die Kunsthalle Wien ruft in "Parallelwelt Zirkus“ den Zirkus als "Ort der Sehnsucht und Träume“ in Erinnerung, dessen Faszination längst durch 3-D-Animationen und die Hoppala-Videos auf Youtube übertroffen wurde. Die Kuratoren Gerald Matt und Verena Konrad präsentieren die Manege als Zitat. "Clown“ und "Showgirl“ schreibt Jonathan Monk in bunten Neonlichtbuchstaben an die Wand, der Assoziationskraft der Wörter vertrauend. In der berühmten Videoarbeit "Clown Torture“ macht sich Bruce Nauman über Spaßterroristen lustig. Der grell geschminkte Clown lacht so hysterisch, als hätte er eine Überdosis Speed geschluckt.

Die Filmemacherin Ulrike Ottinger besuchte in den 1970er-Jahren Zirkusartisten, fotografierte die überaus selbstbewussten kleinwüchsigen "Freaks“ Fräulein Mausi und Paulchen. Ottingers Film "Freak Orlando“ und ihr Bildmaterial zum Thema Exotik und Monstrosität gehört zu den Höhepunkten der Schau, die am Defizit der meisten Themenausstellungen krankt. Der Besucher muss den inhaltlichen Zusammenhang zwischen den Werken und dem Thema erst suchen. Deborah Sengl stopfte eine Zebrahaut mit dem Korpus einer Löwin aus, somit die Rolle von Raubtier und Beute umkehrend. Naturkunde ja, aber Zirkus? Lediglich Daniel Firman vermag dem Betrachter ein Staunen zu entlocken, indem er einen präparierten Elefanten am Rüssel in die Wand bohrt, als hätte ein Riese mit ihm Darts gespielt. In William Wegmans "Dog Duet“ blicken zwei Hunde in beeindruckender Synchronizität einem Tennisbällchen nach. Um sie zu sehen, muss man nicht in den Zirkus. Das Video läuft auch auf Youtube. MD

Kunsthalle Wien, bis 2.9.


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