Neu im Kino

Sie küssten und sie schlugen sich: "Tabu“

Lexikon | Michael Pekler | aus FALTER 24/12 vom 13.06.2012

Während er im Hinterzimmer einer Wiener Apotheke mit Gott, der Welt und seiner Schreibkunst hadert, versucht sich der noch unbekannte Georg Trakl an der Lyrik. Die Finger sind von Tinte verschmiert, der Blick einem künftig expressionistischen Dichter entsprechend wirr. Denn seine Gedanken drehen sich nur um seine Schwester, die ihm aus Salzburg zum Musikstudium in die Hauptstadt nachgereist ist. "Ich will ein Ganzes sein. Seit ich denken kann“, sagt er zu ihr.

"Tabu“ heißt dieser Film, der auch vorgibt, von einem solchen zu erzählen und deshalb die Darstellung der bislang nur vermuteten inzestuösen Beziehung zwischen Trakl und seiner Schwester zu seiner Hauptaufgabe macht. In ihrem Untertitel führt die deutsch-österreichische Koproduktion zwar eine Zeile des Lyrikers aus "Frühling der Seele“ ("Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden“), doch Trakls Dichtkunst interessiert bloß als Resultat eines selbstzerstörerischen und zugleich nach Erlösung flehenden Mannes.

Mit seinem Interesse an der Entdeckung des Privaten in der Dichterbiografik - abgehandelt von Austen bis Zola - liegt der Film somit zwar im Trend, stellt den deutschen Fernsehregisseur Christoph Stark jedoch gleich vor mehrere unlösbare Aufgaben: ein holpriges Drehbuch, das aus Margarethe Trakl eine berechnende Femme fatale macht; eine eigenwillige Besetzung, angeführt von Lars Eidinger als gepeinigte Künstlerseele; und einen unfreiwillig komischen Sprachduktus der Figuren, der immerhin den Wiener Pöbel im Dialekt herumschreien lässt.

Bereits zu Beginn legt Trakl ein zerknülltes Blatt Papier auf die Apothekerwaage, die sich tatsächlich senkt. Ein schönes Bild für diesen Film: Von nun an geht’s bergab.

Ab Fr in den Kinos


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