Enthusiasmuskolumne  Diesmal: Der beste Furtwängler der Welt der Woche

Dirigieren ist: spielen und spielen lassen

Feuilleton | Heinz Rögl | aus FALTER 25/12 vom 20.06.2012

Er habe viel von Furtwängler gelernt, meint Daniel Barenboim. Das kann man hören. Bei der Leitung aller neun Bruckner-Symphonien mit "seiner“ Staatskapelle Berlin im Musikverein ist Barenboim bei der vierten Symphonie ("Die Romantische“), diesem Komponisten wirklich nahe. Und Furtwängler.

Schon für den alten Wilhelm bedeutete Werktreue immer auch Neuschöpfung. Dabei kommt es auf die Dynamik und Tempodramaturgie an. Als Dirigent muss man um die ständig überraschenden Harmoniewechsel Bruckners wissen und diese den Hörern strukturell klarmachen. Barenboim gelingt es, dem Zuhörer vom ersten Takt an das Gefühl zu vermitteln, einer Geburt beizuwohnen. Drei ganze Takte lang nuanciert er das leise Tremolo aller tiefen und hohen Streicher zu Beginn der Vierten wie nicht so bald ein anderer. Dann meldet sich das Horn mit dem Quintenmotiv, das den ersten Teil des Hauptthemas darstellt. Nach dem barocken Choral am Ende der Durchführung erscheint das inzwischen in seiner Gesamtheit ausgebreitete Material dann in einem völlig anderen Licht. Und Barenboim, der gut geprobt hat, dirigiert Übergänge mit einer körperlich zupackenden Bestimmtheit.

Über sein Lieblingsorchester meinte Furtwängler: "Sie folgen mir und machen doch, was sie wollen.“ Auch Barenboim "dirigiert“ den weit ausschwingenden Bratschengesang des zweiten Satzes nicht, sondern lässt spielen.

Das Orchester muss alle dynamischen Anweisungen in den Noten beherzigen und doch verinnerlichen. Bruckner war ein Architekt sakraler Klänge, der aber nichtsdestotrotz eine schroffe "wilde Jagd“ veranstalten konnte. Im Scherzo und vor allem im Finale der Vierten ist Barenboim dann wirklich deren Dirigent.


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