Fragen Sie Frau Andrea

Not mit dem Handlungsreisenden

Kolumnen | aus FALTER 25/12 vom 20.06.2012

Liebe Frau Andrea,

mich interessiert brennend, ob es das Wort "Handlungsreisender“ wirklich gibt. Ich kenne es vor allem im Zusammenhang mit dessen Tod, also dem des Handlungsreisenden. Im Original wäre das "Death of a Salesman“. Reist er mit einer Handlung im Gepäck, etwa einer Buch- oder Tierhandlung? Oder reist er, um eine bestimmte Handlung zu vollbringen, z.B. einen Vertragsabschluss? Oder sind einfach alle, die von "Handlungsreisenden“ reden, genauso schlampig wie der erste Übersetzer von Millers Stück, der damit einen De-facto-Standard geschaffen hat? Fragen über Fragen

Ihrer spitzfindigen Haarspalterin Johanna Schober,

mittels Bernsteinfunkennachricht "von meinem iPad gesendet“

Liebe Johanna,

wir blicken mit Schaudern in einen vernebelten Abgrund der Sprache. Auf Ahnungen steiler Klippen von Handlungen und vom Handeln, vom reisenden Handeln und von handelnden Reisen. Was genau Katrin Janecke, die deutsche Übersetzerin von Arthur Millers 1949 am Broadway uraufgeführten Drama, beim Eindeutschen bewegte, müssen Biografen und Literaturwissenschaftler klären. Schon 1950 erschien im Frankfurter S. Fischer Verlag "Der Tod des Handlungsreisenden: Zwei Akte und ein Requiem“. Aus "einem“ wurde "der“, aus einem lapidaren Titel eine Wurst. Ungeachtet unserer literaturhistorischen Positionen zu Werk, Autor und Übersetzerin erkennen wir schon im Titel ein Dilemma der Translationskunst. Der Begriff "Handlungsreisender“ ist ein juristisch-ökonomischer Begriff, im täglichen Leben würde man wohl eher vom "Vertreter“ sprechen und damit einen reisenden Angestellten bezeichnen. Aber war das Sprachgefühl 1950 das gleiche wie heute? Könnte das Wort "Handlungsreisender“ den "Salesman“ besser beschrieben haben? Und was verstehen wir unter Handlung? Sie kann alles sein zwischen Geschäft, Laden und dramaturgischem Gebilde, meint hier aber wohl den Geschäftsabschluss. Je genauer wir ein Wort betrachten, desto unschärfer wird es. Bedeutungen zerfließen, färben ab, lösen sich auf. Die druckfrische 42. Ausgabe des "Österreichischen Wörterbuchs“ nennt "jemand, der beruflich für ein Unternehmen Geschäfte vermittelt“, Handelsagent. Ob er dazu reisen muss und wie die Sache endet, wird gütlich verschwiegen.


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