Tiere

Trostlos

Falters Zoo | aus FALTER 25/12 vom 20.06.2012

Ausverkaufszeit! Alles muss raus. Auf dem Nachrichtenwühltisch liegen billige Meldungen über ein saunierendes Stachelschwein in Oberösterreich, winkende Frösche im Zoo Schönbrunn und den kürzesten Witz der Welt: Brennholzverleih. Na ja, es hat einen guten Grund, warum ich bei Saisonschnäppchen nie zuschlage.

Doch ganz unten im Stapel lugt eine schon etwas zerschlissene Studie über politische Machtstrategien bei Schimpansen hervor: Machtrituale beginnen mit der passenden Unterwerfungsgeste bei der Begrüßung. Unter Menschenaffen bedeutet das für Rangniedrige, sich vor dem Alphamännchen zu ducken und von unten zu diesem aufzublicken. Dieser bestätigt durch Hechelgrunzen, dass er der Chef ist. Zu den weiteren Verpflichtungen der Untergebenen gehört das Kraulen und Lausen (Groomen) der Höherstehenden. Wer an wem und wie lange diese Tätigkeiten verrichtet, ist hochpolitisch und entspricht der Hierarchie.

Die Studie merkt an, dass 60 Prozent der ernsthaften Auseinandersetzungen innerhalb von Gruppen von Bonobos oder Schimpansen darin ihren Ursprung haben, dass sich zwei Tiere nicht rangadäquat begrüßen.

Das klingt vertraut, und diesen Befund kann man genau so auch für die menschlichsten unter den Primaten übernehmen. Zur frühen kindlichen Sozialisation gehört deshalb die Einweisung in die Begrüßungsregeln. Man lernt diese schnell, wenn man von wildfremden Menschen mit den Worten "Kaunst du net gscheit griaßen?!“ angeschnauzt wird.

Zu den wesentlichsten Aufgaben eines Alphatiers gehört es, Entscheidungen zu treffen. Im Gegenzug für die Übertragung von Macht erwarten die Rudelmitglieder reziprok altruistische Vergütungen wie das Überlassen eines Teils ihrer Ressourcen wie Nahrung, Schlafplätze bzw. Geld und Positionen.

Grundlage für altruistisches Verhalten ist die Fähigkeit eines Lebewesens, die Bedürfnisse und Gefühle anderer zu erkennen und darauf entsprechend zu reagieren. Mitfühlen und Trost spenden zu können, sind wesentliche Grundpfeiler menschlicher Gesellschaften.

Da stimmt es traurig, wenn ein solcher Grundpfeiler plötzlich wegknickt und es sich ausgetröstet hat. Die ebenso feine wie unvergleichliche Radio-Wien-Sendung "Trost und Rat“ ist nicht mehr. Die Gründe liegen im Dunkeln. Ich vermute, ein Leitwolf wurde nicht rangadäquat gegrüßt.

zeichnung: püribauer.com


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