Kunst  Kritik

Viele Bäume im Ideenwald

Lexikon | aus FALTER 25/12 vom 20.06.2012

Kunsthistoriker konstatieren einen Bruch im Werk des Bildhauers Alberto Giacometti. Irgendwann sei er von der horizontalen Ebene in die Vertikale übergegangen. Das surrealistisch Zusammenwürfelte habe er zugunsten der heroischen, phallischen Figur aufgegeben. Hans Schabus geht in seiner Einzelschau im 21er Haus den umgekehrten Weg, legt in "Vertikale Anstrengung“ Bäume um. Die im Waldviertel gefällten Stämme verteilen sich scheinbar zufällig auf das Erdgeschoß des 21er Hauses, machen den riesigen Raum so zu einer Einheit.

Die Baumstämme verlieren in der liegenden Position ihre Monumentalität. Seine Beschäftigung mit dem Erbe moderner Skulptur macht der Künstler deutlich, indem er das Holz nach der Vorlage von Meisterwerken bearbeitet. Ein Baum erinnert an die "Endlose Säule“ von Constantin Brâncuși, die einer abstrakten, nichthumanen Vorstellung von Skulptur den Weg ebnete. Schabus schuf auch einen Wotruba-Baum. Der österreichische Bildhauer Fritz Wotruba steht für eine humanistische Moderne, die trotz der Abstraktion der bearbeiteten Massen die Idee des menschlichen Körpers intakt lässt. Schabus bettet sein Werk so in die Geschichte des Museums ein, das als 20er Haus der Platz für die moderne Kunst in Wien war. Der Pavillon-Idee Mies van der Rohes folgend, stellte der Architekt Karl Schwanzer einen fließenden Übergang zwischen innen und außen, zwischen Kunst und Natur her. Schabus betont diesen Übergang, indem er die Parkbäume in ihrem prächtigen Sommergrün hineinstrahlen lässt. Drinnen liegt die industriell hergerichtete, zum Zeichen verarbeitete Natur. Von der Galerie aus betrachtet, ergeben die Baumstämme das Wort "Museum“. Der Künstler stemmte den schwierigen Raum souverän, der große Wurf gelang ihm aufgrund eines zu vertrackten Konzepts nicht. MD

21er Haus, bis 9.9.


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