Enthusiasmuskolumne  

Furor des Aussaugens und Aufschreibens

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 26/12 vom 27.06.2012

Diesmal: Die beste Strandlektüre der Welt der Woche

Gute Urlaubslektüre will sorgfältig ausgewählt werden. Buch und Urlaub sollten nicht schlechterdings unverträglich, aber auch nicht allzu ähnlich sein. Also wird man Montaignes "Essais“ nicht unbedingt für den Ballermannurlaub auf Ibiza, aber auch Wolfgang Herrndorfs "Sand“ nicht fürs Kamelreiten in Marokko einpacken.

Geografische und meteorologische Kontraste können durchaus reizvoll sein. Wer im Strandbad grillt und sich dort am Anblick appetitlich gebräunter Nacken weidet, mag also einen Roman wählen, in dem Strandbäder gar keine Rolle spielen, appetitliche Nacken aber schon:

"Endlich fühlte ich auf meiner hochempfindlichen Haut an meiner Kehle die sanfte Berührung ihrer Lippen, die mich erschauern ließ“, notiert Jonathan Harker in sein Tagebuch - nicht ohne schlechtes Gewissen, "denn vielleicht liest eines Tages Mina diese Zeilen“.

In "Dracula“, in dem sehr viel von der Seele die Rede ist, geht es hauptsächlich um Sex. Saugen und saugen lassen, lautet das Motto, das mit Kreuz und Pfahl bekämpft wird. Unter der Führung des autoritären Schwatzkopfes van Helsing, der das furchtlose Forscherethos des 19. Jahrhunderts mit christlichem Fundamentalismus problemlos vereinigt, dürfen die jungen Männer ihren untoten Verlobten den Pflock durchs Herz treiben.

Hier zirkulieren die Blut- und Datenströme, Transfusion trifft auf Transkription: Briefe, Diarien, Artikel, Telegramme, Stenogramme, Phonografenprotokolle. Die Männer reden, die Mädchen tippen’s ab. Das alles ist unglaublich rasant und packend erzählt und keineswegs nur unfreiwillig komisch. Und exotisches Lokalkolorit gibt’s obendrein: "Es schmeckte großartig, machte aber gewaltigen Durst. Ich fragte den Kellner, und er sagte, man nenne es Paprikahendl.“


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