Selbstversuch

Die Gefahr, fremde Menschen kennenzulernen

Kolumnen | Doris Knecht  | aus FALTER 26/12 vom 27.06.2012

Ich ziehe mir gerade eine Zecke, als das Telefon zirpt, und es ist Haemmerli. Mein Züricher Freund Haemmerli. Haemmerli sagt, dass er am Mittwoch kommt, und ich bin sofort überfordert. Wie eh immer am Telefon. Ich soll am Telefon gleichzeitig reden, zuhören und überschlagen, was ich am Mittwoch schon alles für Termine habe, und Haemmerli fragt, ob er, wie von mir angeboten, bei mir übernachten kann, also sie alle drei, denn sie sind zu dritt. Das finde ich spontan viele, und weil mir gleichzeitig klar wird, dass ich am Mittwoch schon drei Termine habe und der Lange nicht da ist, sage ich nicht gleich Jasuuuperkeinproblem, sondern eiere deppat herum und kann dabei hören, wie Haemmerli an seinem Telefon denkt, dass ich früher nicht so extrem unentspannt war.

Haemmerli sagt aber nichts, sondern erklärt mir jetzt, wen ich unbedingt kennenlernen muss. Und das hab ich bekanntlich nicht so gern, wenn mich jemand mit Bekanntschaften überrumpelt. Ich hab’s nicht so mit dem Kennenlernen von Fremden; das ist meiner Ansicht nach eine hochkomplizierte Sache, die genau überlegt und abgewogen werden muss, entweder die Fremden finden einen, was mir ständig passiert, spontan unsympathisch. Oder nicht, dann läuft man, weil man eh schon so viele Freunde hat, Gefahr, das mühsam ausbalancierte System bereits bestehender Freundschaften zum Einsturz zu bringen, weil eine erfolgreiche neue Freundschaft zur Vernachlässigung der alten führt, und schon wird man nicht mehr zum Geburtstag eingeladen. Was im Prinzip okay ist, weil Geburtstage schreckliche Kennenlernfallen und dort immer fremde Leute sind, deren Bekanntschaft man machen muss, ob man will oder nicht. Und ich neige nun mal eher zu nicht.

Deshalb muss ich Haemmerlis nächste, in mein Gestammel geworfene Frage, ob ich denn eh Anfang Juli nach Zürich zu seiner großen Geburtstagsparty käme, abschlägig beantworten: Nein, sorry, ich komme nicht. Es ist zu weit und zu kompliziert. Und es sind zu viele fremde Menschen dort und mit ihnen die Gefahr, sie kennenzulernen.

Aha. Ich höre, wie Haemmerli am anderen Ende der Leitung beschließt, dass er mich verloren hat.

Denn derlei ressortiert in einem Weltbild wie dem haemmerlisch-weltmännischen unter den maximal spießigen Einstellungen: ein Fanal allergrößter Unbeweglichkeit, und nichts Schlimmeres ist solchen Kreisen denkbar als ein statisches, neugierloses Sein, weil einen das nirgends hinbringt. Nirgends. Eh; und genau da bin ich am liebsten, an diesen meinen Orten, die offiziell nirgends sind und nichts, was sich sicher und gut und richtig anfühlt, solange man es vor Haemmerli nicht rechtfertigen muss. Aber jetzt gerade hüllt dieses Sein mich ein wie eine geblümte Kittelschürze, und ich will mich erklären, aber Haemmerli ist schon weg, zu einer Performance, einer Lecture, einer Eröffnung; ins Leben.


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